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Davor muss niemand Angst haben

Stefan Gustav von der HWK Koblenz berichtet im Interview über Praxiserfahrungen und die Rolle der berufsfachlichen Experten bei der Qualifikationsanalyse.

Stefan Gustav ist bei der Handwerkskammer Koblenz verantwortlich für die Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen. Im Interview mit Constanze Küsel (HWK Koblenz) berichtet er über seine Erfahrungen mit der Qualifikationsanalyse (QA), die Rolle der berufsfachlichen Experten im Verfahren und darüber, wie der libanesische Kfz-Mechatroniker Ahmad Khazaal mithilfe einer QA die Anerkennung erhalten konnte.


Herr Gustav, Sie kommen gerade von einer QA zurück. Wie war Ihr Eindruck von Herrn Khazaal aus dem Libanon und von der QA allgemein?

Stefan Gustav: Die QA ist sehr gut gelaufen. Herr Khazaal, der seine Ausbildung im Libanon gemacht hat, hat 3 sehr komplexe Aufgaben wirklich mit Bravour geschafft.

Was war der Grund, Herrn Khazaal die Teilnahme an einer QA anzubieten?

Stefan Gustav: Herr Khazaal hat uns seine 2 Jahreszeugnisse aus seiner schulischen Berufsausbildung im Libanon gezeigt. Allerdings konnten wir anhand der Zeugnisse nicht erkennen, was er ganz konkret in seiner Ausbildung gelernt hat. Es fehlten also Inhalte, um diese mit der deutschen Ausbildungsordnung vergleichen zu können. Ebenso hatte Herr Khazaal schon 7 Jahre Berufserfahrung, davon 4 Jahre im Libanon. Hier lag uns zwar eine Bescheinigung vor, dass er dort gearbeitet hat, aber kein qualifiziertes Zeugnis. Die gleiche Situation hatten wir auch mit seiner Beschäftigung als Kraftfahrzeugmechaniker seit 2017 in Deutschland. Von daher bot sich eine QA an.

Welches Ergebnis hat die QA erbracht?

Stefan Gustav: In diesem Fall kam eine teilweise Gleichwertigkeit heraus. Der Teilnehmer hatte 3 Aufgaben zu lösen: Die erste war eine mechanische Aufgabe, bei der aber auch Systemkompetenz bewiesen werden musste. Die zweite Aufgabe war eine sicherheitsrelevante Aufgabe an einem Bremssystem. Schließlich musste er am Fahrzeug einen elektronischen Fehler finden und die Ursache beheben. Diese Aufgaben hat er alle mit Bravour gelöst. Im Fachgespräch haben wir dann aber herausgefunden, dass ihm Kompetenzen in der Hochvolttechnik fehlten. In Kürze wird er daher bei uns im Rahmen einer überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung an dem Kurs „Diagnosetechnik Hochvoltsysteme“ teilnehmen, um die fehlenden Kenntnisse zu erwerben. Anschließend hat er dann die volle Gleichwertigkeit.

Es gibt im Verfahren der QA neben dem Fachgespräch noch das sogenannte Sondierungsgespräch. Was ist der Unterschied?

Stefan Gustav: Ein Fachgespräch darf nicht mit dem Sondierungsgespräch gleichgesetzt werden. Das Fachgespräch ist ein Instrument der QA. Das Sondierungsgespräch bietet die Möglichkeit, dass sich ein berufsfachlicher Experte im Vorfeld des Verfahrens mit dem Antragstellenden unterhält, seine Kenntnisse sondiert und dabei erstmal erklärt, wie alles abläuft. Das ist wichtig, denn wir machen häufig die Erfahrung, dass unsere Antragstellenden gar nicht genau wissen, was in Deutschland alles zu einem Berufsbild gehört und Teil einer Ausbildung ist.

Wir hatten vor kurzem einen Teilnehmer, der der Auffassung war, er könne sich als Fliesen-, Platten- und Mosaikleger selbstständig machen. Wir haben zunächst ein Sondierungsgespräch auf Gesellenebene mit ihm geführt. Dabei hat sich herausgestellt, dass er zwar Fliesen an die Wand kleben konnte, weitergehende Kompetenzen waren aber nicht vorhanden. Die QA hatte sich damit schon durch das Sondierungsgespräch erledigt.

Sie sprachen gerade von berufsfachlichen Experten. Was macht einen berufsfachlichen Experten oder eine berufsfachliche Expertin aus?

Stefan Gustav: Unsere berufsfachlichen Experten sind erfahrene Handwerksmeister, die auch täglich im Handwerk arbeiten. Sie kennen die aktuellen Anforderungen. Unsere Ausbildungsordnungen sind technologieoffen formuliert. Das heißt, die Inhalte der Ausbildung orientieren sich immer an der aktuellen Technologie. Wenn ein Metallbauer heute ‚nur‘ mit Hammer und Amboss umgehen könnte, dann würde das bei weitem nicht ausreichen. Denn heutige Metallbauer müssen auch mit computergesteuerten Werkzeugmaschinen (CNC-Anlagen) umgehen können, mit Hydraulik, Pneumatik, Elektrotechnik. Unsere berufsfachlichen Experten müssen neben Erfahrungen als Prüfer auch interkulturelle Kompetenzen mitbringen und über das Verfahren der Kompetenzfeststellung Bescheid wissen. Hierfür werden Sie vorab geschult. Sie sind dann wirklich hochqualifizierte Leute.

Und was müssen die berufsfachlichen Experten außerdem machen? Was gehört noch zu den Aufgaben, außer die Antragstellenden bei der QA zu begleiten?

Stefan Gustav: Die berufsfachlichen Experten sind dafür verantwortlich, die QA zu organisieren, das heißt alle Inhalte, alle Prüfungsaufgaben vorzubereiten, das Fachgespräch durchzuführen und letztlich auch die Bewertung abzunehmen. Wie das formal und inhaltlich funktioniert, lernen sie in der Schulung. Vor dieser Aufgabe muss also niemand Angst haben.

Und muss der berufsfachliche Experte bzw. die Expertin sich auf viel Papierkram einstellen?

Stefan Gustav: Nein, das ist nicht viel. Ganz ohne Formulare kommen wir aber trotzdem nicht aus. Wir dokumentieren den gesamten Verlauf der QA mit sogenannten Beobachtungsbögen für den Ablauf und mit einem Ergebnisbogen für das Ergebnis. Im Fall von Widersprüchen hat der Antragstellende die Möglichkeit, sein Widerspruchsrecht auszuüben. Ohne diese Dokumentation würden wir in einem Widerspruchsverfahren verlieren.

Eine QA ist ja auch mit Kosten verbunden. Wie hoch sind die Kosten, und müssen die am Ende die Teilnehmenden selbst bezahlen?

Stefan Gustav: Die QAs kosten natürlich Geld. Das Personal muss bezahlt werden. Und auch die Werkstatt, in der eine QA in der Regel stattfindet. Da können schon erhebliche Kosten auf einen zukommen. Für die QA mit dem Kfz-Mechatroniker haben wir insgesamt 6 Stunden benötigt, was noch ein relativ geringer Zeitumfang ist. Zuletzt haben wir eine QA mit einem Fahrzeuglackierer gemacht. Da mussten dann auch Trocknungszeiten berücksichtigt werden. So kann eine QA über die gesamte Berufsfeldbreite auch mal 2 bis 3 Tage dauern. Und dann können durchaus Kosten bis zu 2.000 Euro entstehen. Wer keine Arbeit hat, für den kann die Arbeitsagentur oder das Jobcenter die Kosten übernehmen. Wer als Hilfsarbeiter angestellt ist, hat in der Regel kein entsprechend hohes Einkommen. Deswegen gibt es dank des Bundesbildungsministeriums die Möglichkeit der finanziellen Förderung über den Sonderfonds Qualifikationsanalysen. Somit können die Kosten kein Argument gegen eine QA sein.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die an einer QA teilnehmen wollen?

Stefan Gustav: Nach unseren Erfahrungen macht es sehr viel Sinn, sich auf die QA vorzubereiten und mit Ernsthaftigkeit auch das Sondierungsgespräch wahrzunehmen. Unter Umständen ist es gut, erstmal ein oder zwei Jahre hier in Deutschland zu arbeiten und sich dann an die QA zu wagen. Aber das hängt immer vom Einzelfall ab. Wenn für die Zwischenzeit keine Arbeit gefunden werden kann, dann können wir beraten. Wir unterstützen gerne alle, um einen Weg zu finden, der mittelfristig und sinnvoll zu einer Integration in den deutschen Arbeitsmarkt führt.

Das Gespräch führte Dr. Constanze Küsel von der Handwerkskammer Koblenz am 15. September 2020. An diesem Tag fand die QA von Ahmad Khazaal statt, der inzwischen die anschließende Anpassungsqualifizierung erfolgreich absolviert und die volle Gleichwertigkeit erreicht hat.

Wichtige Informationen zur Zuständigkeit und Details zum Anerkennungsverfahren für den Referenzberuf „Kraftfahrzeugmechatroniker/in“ bieten Profi-Filter und Anerkennungs-Finder in diesem Portal.

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Meine berufliche Anerkennung bestätigt, was ich kann und eröffnet mir Perspektiven. 
Mein Name ist Ahmad Khazaal und ich bin Kfz-Mechatroniker.

Im Libanon habe ich Kfz-Mechatroniker gelernt und gearbeitet. 
Als ich 2015 nach Deutschland kam, konnte ich zum Glück direkt bei meinem Onkel in der Werkstatt arbeiten.

Man kann in Deutschland als Kfz-Mechatroniker arbeiten. 
Der Beruf ist nicht reglementiert. Aber dann geht es beruflich auch nicht weiter.

Ich will auf jeden Fall weiterkommen und meinen Meister machen, um später vielleicht meine eigene Werkstatt zu haben. 

Für die Zulassung zur Meisterprüfung ist die Anerkennung des Berufes Voraussetzung.

Ich habe mich zusammen mit meiner Frau im Internet und bei der Handwerkskammer Koblenz informiert.

Herr Khazaal hat uns seine Papiere aus dem Libanon vorgelegt.
Aber daraus gingen seine Qualifikationen nicht eindeutig hervor.

Ich hatte nach meinem Abschluss 4 Jahre im Libanon und 3 Jahre in Deutschland gearbeitet.

Deshalb haben wir ihm vorgeschlagen, eine Qualifikationsanalyse zu machen. 

Das war super. Ich konnte alles zeigen, was ich draufhatte. Ich war ein bisschen nervös, aber das hat sich schnell gelegt. 

Ich habe mich erstmal mit Herrn Khazaal zu einem Vorgespräch zusammengesetzt, um ihn kennenzulernen.
 
Das hilft schon, wenn die Leute, die mich beurteilen, mich ein bisschen kennen und ich sie.

Im praktischen Teil hat er sich bei der mechanischen Aufgabe mit Bravour geschlagen. 
Dabei war auch Systemkompetenz erforderlich.

Meine Aufgabe war, einen Zahnriemen zu wechseln. Das hatte ich schon öfters gemacht. 

Wir hatten uns noch eine Aufgabe an einer Bremse überlegt. 
Und er musste noch einen elektronischen Fehler finden. 

Das kannte ich zum Glück auch von der Arbeit. Ich bin langsam lockerer geworden.

Wir haben anschließend das Fachgespräch geführt, um die theoretischen Kenntnisse zu überprüfen. 
Das hat er sehr gut gemacht. Es hat sich aber gezeigt, dass er im Hochvolt-Bereich noch Nachholbedarf hat.

Die hole ich mir in der Anpassungsqualifizierung. 
Ich bin jetzt voll anerkannt und habe den Bescheid, dass meine Ausbildung mit der in Deutschland voll gleichwertig ist.

Und wir freuen uns, Herrn Khazaal im Kurs der Weiterprüfungsvorbereitung wiederzusehen. 

Jetzt geht es los mit der Meisterprüfung. Dafür will ich mein Deutsch noch verbessern.
Mein Tipp: Schlau machen, positiv denken und richtig Gas geben!

Starten Sie ihre eigene Erfolgsgeschichte und erzählen Sie davon.

Anerkennung in Deutschland.
Mehr Erfahrungsberichte und Informationen auf www.anerkennung-in-deutschland.de.