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Digitale Streetworker

Laura Sajeva von der Berliner Migrantenorganisation La Red e.V. erläutert im Interview, wie der Verein soziale Medien für die Beratung zur Anerkennung nutzt.

Wie unterstützt die Migrantenorganisation La Red Migrantinnen und Migranten bei der Ankunft in Deutschland?

Laura Sajeva: Die Migrantenselbstorganisation „La Red – Vernetzung und Integration e.V.“ im IQ Netzwerk Berlin ist seit 2013 aktiv. La Red hilft Neuzugewanderten aus aller Welt bei der beruflichen und sozialen Integration in Deutschland. Unser kostenloses Angebot umfasst Beratungen, Seminare und Workshops zu Themen wie Arbeitsmarktintegration, Arbeits- und Sozialrecht sowie Aufenthaltsverfahren. Außerdem führen wir u.a. Projekte zu politischer Partizipation, Bildung und Umweltbildung durch. Unsere Mitarbeitenden kommen aus verschiedenen Ländern und sprechen Arabisch, Polnisch, Spanisch und viele andere Sprachen.

Sie beraten auch zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen und sind dabei in den sozialen Medien sehr aktiv. Was ist der Hintergrund?

Laura Sajeva: La Red hat mit über 9.000 Followerinnen und Followern eine der größten Online-Communities von Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Unsere Beraterinnen und Berater haben festgestellt, dass sich in den sozialen Medien viele Eingewanderte für die Anerkennung interessieren. Ihre Fragen bleiben jedoch häufig unbeantwortet oder die Antworten anderer Nutzerinnen und Nutzer sind irreführend. Manchmal kursieren sogar falsche Informationen. Deshalb fanden wir es wichtig, eine professionelle Informations- und Beratungsarbeit in den sozialen Medien zu starten. Wir sind so etwas wie digitale Streetworker, die die Integration und Orientierung von Neuzugewanderten unterstützen.

Welche Plattformen nutzen Sie und wie identifizieren Sie dort Ihre Zielgruppe?

Laura Sajeva: Wir haben Facebook als Hauptkanal für unsere Online-Aktivitäten gewählt. Dort sind wir in rund 90 Gruppen mit insgesamt mehr als 500.000 Mitgliedern aktiv. Die Zielgruppen identifizieren wir hauptsächlich nach Herkunftsregion und Beruf. Beispiele sind Gruppen wie „Argentinos en Berlin“, „Syrer in Berlin“ oder „Medicos Latinoamericanos en Berlin“. In diesen Gruppen beantworten die Beraterinnen und Berater Fragen, nehmen an Diskussionen teil und regen mit Informationen die Debatte an. Um die Zielgruppe zu erreichen, beraten und informieren wir in den jeweiligen Muttersprachen.

Wie genau läuft die Online-Beratung ab? Beraten Sie zum Beispiel in privaten Chats oder öffentlich in Gruppen?

Laura Sajeva: In der klassischen Anerkennungsberatung ist es erforderlich, personenbezogene Daten auszutauschen. Die Beratungsarbeit in den sozialen Medien unterliegt starken datenschutzrechtlichen Einschränkungen. Die Online-Arbeit beschränkt sich daher darauf, Fragen in Facebook-Gruppen zu identifizieren und mit allgemeinen Informationen zu beantworten. Am Ende laden wir zu einer klassischen Erstberatung in den IQ Beratungsstellen ein. Dabei können alle Datenschutzstandards gewährleistet werden.

Welche Fragen zur Anerkennung werden in den sozialen Medien diskutiert?

Laura Sajeva: Viele Fachkräfte im medizinischen Bereich, die außerhalb der EU ihre Ausbildung gemacht haben, möchten sich mit Personen austauschen, die das Anerkennungsverfahren bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Ihre Fragen betreffen Anpassungslehrgänge oder Fachsprachprüfungen. Fachkräfte aus der EU suchen zum Beispiel nach vereidigten Übersetzerinnen und Übersetzern. Weitere Fragen sind, ob eine Anerkennung in bestimmten Berufen notwendig ist, welche Stelle zuständig ist und welche Dokumente erforderlich sind.

Was sind die Vorteile der Beratung in den sozialen Medien?

Laura Sajeva: Die aufsuchende Beratung in den sozialen Medien eignet sich optimal für eine erste Orientierung von Neuzugewanderten. Auch lassen sich hier neue Fragen für die Beratung erkennen. Die sozialen Plattformen unterstützen somit die klassische Beratung. Ersetzen können sie diese aber nicht.

Wie hat sich die klassische Beratung zur Anerkennung seit dem Start der Online Arbeit verändert? Und wie geht es in Zukunft weiter?

Laura Sajeva: Statistische Daten zeigen, dass unsere Aktivitäten in den sozialen Medien zu einem Anstieg der Beratungszahlen geführt haben. Vor kurzem haben wir unser Angebot bei Facebook auf die englischsprachige Community in Berlin ausgeweitet. Außerdem testen wir derzeit das Potenzial der Anerkennungsberatung auf den Plattformen LinkedIn und Instagram.

 

Das Interview mit Laura Sajeva fand im August 2021 statt. Laura Sajeva ist seit 2019 Beraterin bei La Red e. V. für die italienische Community.

Wichtige Informationen zur Zuständigkeit und Details zum Anerkennungsverfahren für die deutschen Referenzberufe finden Sie im Profi-Filter und Anerkennungs-Finder in diesem Portal.