Dokumentation

Ein Thementisch bei der Auftaktveranstaltung zum NAP-I
© DIHK/manfred h. vogel

Die Auftaktveranstaltung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Nationalen Aktionsplan Integration umfasste die zwei Themenforen „Bildung und Ausbildung“ sowie „Berufsanerkennung“. Um einen möglichst regen Austausch über Erfahrungen und neue Ideen zu erzielen, wurden zu beiden Themenforen je zwei Panels als World Café mit drei bzw. vier Thementischen abgehalten. Panel 1 und 3 im Themenforum Bildung und Ausbildung behandelten die Übergänge und Verläufe von Bildungsetappen. Panel 2 und 4 im Themenforum Berufsanerkennung thematisierten die Information und Beratung ausländischer Fachkräfte, das Anerkennungsverfahren sowie Instrumente der Kompetenzerfassung. In den Panels 1 und 3 übernahm Dr. Andrea Ruyter-Petznek vom BMBF die Gesamtmoderation, in den Panels 2 und 4 Claudia Moravek bzw. Dr. Jessica Erbe vom Bundesinstitut für Berufsbildung.

Themenforum Bildung und Ausbildung

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Panel 1: Übergänge und Verläufe von Bildungsetappen kontinuierlich begleiten – Was brauchen wir dafür?

Panel 1 ging der Frage nach, welchen Beitrag Bildung für eine erfolgreiche Integration leisten kann. Dabei wurden sowohl Integrationsprozesse in verschiedenen Bildungsetappen (beispielsweise Schule, Ausbildung, Studium, Weiterbildung) beleuchtet als auch der Wechsel zwischen diesen. Mit dem Fokus auf Integration wurde diskutiert, wie Übergänge im Bildungssystem besser vorbereitet und begleitet werden können, wie flexibel die bestehenden, aber auch neu benötigte (Unterstützungs-)Strukturen sein können und müssen.

Thementisch 1: Bedingungen gelingender Begleitung von (Bildungs-)Übergängen und Bildungsverläufen

Thementisch 2: Alle mitnehmen – Potenziale nutzen

Thementisch 3: Individuelle Förderung versus Bildungsstrukturen

Panel 3: Übergänge und Verläufe von Bildungsetappen kontinuierlich begleiten – Wen brauchen wir dafür?

Im Fokus von Panel 3 stand die Frage, welche Akteure einbezogen und welche Bedingungen berücksichtigt werden müssen für eine gelingende kultursensible Begleitung von Bildungsverläufen, insbesondere für erfolgreiche Übergänge zwischen den Bildungsetappen. Inhaltlich erstreckte sich die Bandbreite der behandelten Themen von der Familie als Bildungsort, über Schule, berufliche und Hochschulausbildung, außerschulische Förderung, Aus-und Weiterbildung pädagogischer Lehrkräfte bis zu Betrieben als Ausbildungsorte.

Thementisch 1: Pädagogische Fachkräfte

Thementisch 2: Familie als Bildungsort

Thementisch 3: Akteure und Begleiter im Übergang zwischen Bildungsetappen

Thementisch 4: Migrantenorganisationen als Brückenbauer

Themenforum Berufsanerkennung

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Panel 2: Fachkräfte und Betriebe auf dem Weg zur Berufsanerkennung unterstützen

In Panel 2 wurden neue Zugänge und Wege in ein Anerkennungsverfahren diskutiert. Ziel war es, Ideen zu sammeln, wie Antragstellende künftig noch besser unterstützt werden können. Das Panel stellte dazu die etablierten Informations- und Beratungsangebote im Bereich Berufsanerkennung vor und lud zur Diskussion über weitere Unterstützungsmöglichkeiten bei der Begleitung des Anerkennungsverfahrens sowie über erfolgreiche Wege in den Arbeitsmarkt ein.

Thementisch 1: Information und Beratung

Thementisch 2: Anerkennungsverfahren

Thementisch 3: Wege zur Berufsanerkennung im Betrieb

Panel 4: Das Verfahren der Berufsanerkennung: Besonderheiten, Herausforderungen und Lösungsideen

In Panel 4 wurde insbesondere den Fragen nachgegangen, wie das Verfahren der Berufsanerkennung ausgestaltet ist und wie es noch effizienter umgesetzt werden kann. Zur Beantwortung der Fragen wurde zum einen über Herausforderungen und Lösungsansätze, z. B. über die Rolle der Bündelung von Zuständigkeiten, diskutiert. Zum anderen wurden die Berufsanerkennung und andere Instrumente zur Sichtbarmachung von beruflichen Kompetenzen eingeordnet. Schließlich stellte sich die Frage, was man aus den Erfahrungen aus anderen Ländern lernen kann.

Thementisch 1: Herausforderungen und Lösungsideen bei der Berufsanerkennung

Thementisch 2: Schnittstellen zu anderen Instrumenten der Kompetenzerfassung

Thementisch 3: Von anderen Ländern lernen


Panel 1: Übergänge und Verläufe von Bildungsetappen kontinuierlich begleiten – Was brauchen wir dafür?

 

 

Thementisch 1: Bedingungen gelingender Begleitung von (Bildungs-)Übergängen und Bildungsverläufen

Prof. Dr. Herbert Brücker von der Humboldt-Universität zu Berlin startete an diesem Thementisch mit einem Impuls zur demografischen Entwicklung in Deutschland. Er führte aus, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund weiter steigen werde, insbesondere in den Großstädten. Umso wichtiger sei es, dass Bildungsübergänge gelingen. Die Teilnehmenden tauschten sich darüber aus, wie dies sichergestellt werden könnte – angefangen beim Übergang aus dem Kindergarten in die Grundschule, von der Grundschule in das weiterführende Schulsystem bis hin zum Übergang von der Schule in den Beruf oder das Studium bzw. vom Studium in den Beruf.

Der Austausch zwischen den teilnehmenden Expertinnen und Experten verdeutlichte, dass es dazu viele Beispiele guter Praxis auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene gibt. Als erfolgreich können der Einsatz von Bildungs- und Elternlotsen, eine gute Elternarbeit, ein regionales Bildungsmanagement, welches einige Bundesländer bereits umsetzen, sowie die Verwendung von einfacher deutscher Sprache in allen Bildungsbezügen angesehen werden. Bewährt hat sich nach Meinung der Teilnehmenden zudem die 3+2 Regelung. Diese gibt Auszubildenden und Arbeitgebern Planungssicherheit bezüglich der Aufenthaltsgenehmigung für die Dauer der Ausbildung und eröffnet Wege für eine Anschlusstätigkeit. Verbesserungsbedarf wird dahingehend gesehen, dass es an einigen Stellen an Transparenz, Vernetzung und dem Wissen der Akteure voneinander fehle: „Es gibt keinen Maßnahmenmangel, sondern einen Mangel an Koordinierung der Maßnahmen“.

Darüber hinaus könnten Programme ausgebaut werden, die Übergänge individuell fördern. Gleichzeitig sollten individuelle Maßnahmen besser in die Regelstrukturen integriert werden und eine Verknüpfung institutioneller und individueller Begleitung erfolgen.

Mit Blick auf die zahlreichen erwachsenen Einwanderinnen und Einwanderer sind nach Meinung der Teilnehmenden zudem neue Formate zu entwickeln, die es ermöglichen, schulische Qualifikationen nachzuholen. Hier bestehe insbesondere Bedarf nach einem neuen Integrationskurskonzept für diese Zielgruppe, nicht zuletzt zur Integration in den Arbeitsmarkt.

Strukturell müssen die interkulturellen Kompetenzen des pädagogischen Fachpersonals etabliert und die Qualifizierung in diesem Bereich gefördert werden. Auch sollte der schulische Lehrplan eine höhere interkulturelle Orientierung haben.

Innerhalb der Bildungsinstitutionen werden die ehrenamtlichen Begleiter (insbesondere der Flüchtlingsfamilien) oftmals nicht als auf Augenhöhe agierend betrachtet. Sie sollten aber als wichtige Bildungsakteure wahrgenommen und – auch strukturell verankert – in die pädagogische Arbeit mit einbezogen werden.


 

 

Thementisch 2: Alle mitnehmen – Potenziale nutzen

Dr. Mona Granato vom Bundesinstitut für Berufsbildung führte in das Thema ein und diskutierte mit den Teilnehmenden des Thementisches, wie Bildungsaspirationen und Potenziale besser genutzt sowie Bildungsübergänge und -verläufe besser unterstützt werden könnten.

Die Diskussion der Teilnehmenden zeigte auf, dass Neuzugewanderte nach der Ankunft in Deutschland eine hohe Bildungsaspiration und Leistungsbereitschaft aufweisen und sehr motiviert sind. Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Leistungsbereitschaft sinkt, je länger sie in Deutschland leben. Als einen Grund für diese Entwicklung werden Diskriminierungserfahrungen der Neuzugewanderten benannt. So zeigen zahlreiche Studien, etwa vom BIBB, dass Menschen ohne Migrationshintergrund bei der Besetzung von Ausbildungs- und Arbeitsstellen bevorzugt werden und Bewerbungs- oder Einstellungsverfahren oftmals ein Hindernis für Menschen mit Migrationshintergrund darstellen.

Um die Potenziale von Neuzugewanderten besser zu nutzen, ist nach Meinung zahlreicher Teilnehmender ein Umdenken notwendig: weg von der Defizitorientierung hin zum kompetenzbasierten Denken. Insbesondere die Fähigkeit, sich mehrsprachig auszudrücken oder sich in unterschiedlichen Kulturkreisen zurechtzufinden, sind Kompetenzen, die besser genutzt werden könnten. Positivbeispiel ist hier die geschlechterneutrale Haltung in Syrien zu MINT-Fächern.

Nicht nur bei Neuzugewanderten und Menschen mit Migrationshintergrund sind Mehrsprachigkeit und kultursensible Kompetenzen positiv wirkende Faktoren, sondern auch bei pädagogischem Fachpersonal. Verbindliche Module zu kultursensibler Kompetenz in der Lehramtsausbildung sowie verbindliche Weiterbildungen für Lehrende wurden ebenso angeregt wie das Ablegen von „Denken in Schubladen“, z. B. nach Schutzstatus oder Aufenthaltstitel. Auch sollte der schulische Lehrplan eine höhere interkulturelle Orientierung haben.

Eine bessere Begleitung von Neuzugewanderten, damit sie sich in einem für sie neuen Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktsystem zurechtfinden, wäre ebenfalls wünschenswert. Neben Begleitung und Coaching, die Systemwissen und psychologische Unterstützung anbieten, wurden ergänzender Fachunterricht in der Herkunftssprache sowie die Schaffung von Kommunikationsumgebungen zur Anwendung von Deutschkenntnissen angeregt.


 

 

Thementisch 3: Individuelle Förderung versus Bildungsstrukturen

Wie können die Potenziale des Einzelnen individuell gefördert werden? Mit dieser Leitfrage eröffnete Prof. Dr. Ursula Bylinksi vom Institut für Berufliche Lehrerbildung an der Fachhochschule Münster diesen Thementisch. Und: Welche individuellen Ressourcen liegen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund vor? Mit welchen Unterstützungsangeboten etwa für die Bewältigung von Übergängen können diese Potenziale gehoben werden?

In dem gemeinsamen Austausch wurde deutlich, dass kontinuierliche Prozesse über alle Bildungsetappen hinweg sowie gleichbleibende Ansprechpersonen förderlich sind, um Übergänge zwischen den Bildungsetappen zielführend zu gestalten. Unterstützungsbedarf wurde von den Teilnehmenden insbesondere für Geflüchtete im Alter zwischen 13 und 15 Jahren gesehen. Diese Zielgruppe hat viele Brüche in den Bildungsbiografien erlebt und oftmals in den Herkunftsländern wenig an Bildung partizipieren können. Um individuelle Potenziale bei dieser Zielgruppe zu fördern, wird beispielsweise angeregt, Schulungs- und Bildungsinhalte in den Herkunftssprachen, etwa Arabisch, zu wiederholen. Als Beispiel guter Praxis wurde Schweden genannt, wo der Schulunterricht mit Hilfe von Sprachassistenzen mehrsprachig erfolgt.

Für die Unterstützung des Übergangs von der Schule in die berufliche Ausbildung und in das Erwerbsleben wurden zudem Tandempartnerschaften – etwa die Begleitung durch Menschen, die selbst Migrationshintergrund haben – empfohlen. Eine Kombination aus ehrenamtlichen und institutionellen Unterstützungsangeboten wird in diesem Kontext als zielführend bewertet. Als ein Positivbeispiel für den Einsatz von institutionalisierten Ressourcen gilt nach Meinung vieler Teilnehmender die Berufseinstiegsbegleitung. Diese unterstützt Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf bereits im letzten Schuljahr beim Übergang in die Berufsausbildung. Bei der Berufsausbildung selbst wurde ein übergreifendes und langfristig angelegtes Konzept für Sprachförderung, Besonderheiten der Ausbildungs- und Prüfungssprache sowie begleitende Mentoring-Programme für Auszubildende gefordert.

Die Diskussion über Unterstützungsangebote verdeutlichte zudem ein Spannungsfeld mit der elterlichen Bildungsverantwortung: Während in der deutschen Sozialisation den Eltern eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der Kinder zukommt, hoben die Vertreterinnen und Vertreter der Migrantenorganisationen hervor, dass Eltern mit Migrationshintergrund in diesem Punkt eine andere kulturelle Prägung aufweisen: Sie sind es aus den Herkunftsländern oftmals nicht gewohnt, dass von den Eltern Bildungsverantwortung zu übernehmen ist. Vielfach fehlt das Wissen darüber, dass dies im deutschen Bildungs- und Ausbildungssystem erforderlich ist. Dies betrifft auch Eltern mit hohen Bildungsaspirationen und entsprechenden Erwartungen an die Schulleistungen ihrer Kinder. Nach Auffassung der Diskutanten könnte hier eine stärkere Einbindung der Migrantenorganisationen helfen, den kultursensiblen Umgang zu schärfen und das Verständnis für einander zu stärken. In diesem Zusammenhang wird angeregt, kommunale Strukturen auszubauen, die es ermöglichen, die Vernetzung – vor allem auf der Ebene der Gebietskörperschaften – voranzubringen.


Panel 3: Übergänge und Verläufe von Bildungsetappen kontinuierlich begleiten – Wen brauchen wir dafür?

 

 


Thementisch 1: Pädagogische Fachkräfte

Am Thementisch „Pädagogische Fachkräfte“ führte Prof. Dr. Bernd Zinn von der Universität Stuttgart kurz in das Thema ein und stellte die Frage, welche interkulturellen Kompetenzen pädagogische Fachkräfte mitbringen sollten. In der anschließenden Diskussion konzentrierten sich die Teilnehmenden auf das pädagogische Fachpersonal an Schulen.

Es bestand Einigkeit, dass sowohl die Institution Schule als auch die Lehrenden die Heterogenität im Klassenraum als Normalität anerkennen und als Chance verstehen sollten. Weitgehend homogene Klassenverbände gehören der Vergangenheit an. Im Sinne einer „lernenden Organisation“ sollte Schule die unterschiedlichen kulturell geprägten Vorstellungen von Erziehung und Wissensvermittlung kennen, in ihrer eigenen Kommunikation – beispielsweise mit den Eltern – mitdenken und hierauf überlegt und strukturiert reagieren. Vertreter von Migrantenorganisationen berichteten beispielsweise, dass manche Migranten und ihre Eltern aufgrund der eigenen Sozialisation ein eher autoritäres Auftreten von Lehrenden erwarten. Dementsprechend werden die in Deutschland praktizierte Elternarbeit und das Mitspracherecht der Eltern als Schwäche des Lehrenden ausgelegt, im Sinne: „der deutsche Lehrer kann seinen Beruf nicht ohne die Hilfe der Eltern ausüben und ist inkompetent“. Diese Aussagen führten zu einer kontroversen Diskussion darüber, welches Rollenbild eine pädagogische Lehrkraft einnehmen sollte.

Gleichzeitig waren sich alle Teilnehmenden einig, dass Wissen über andere kulturelle Werteinstellungen im pädagogischen Kontext nicht ausreiche – praktische Erfahrung und intensiver Kontakt zur Elternschaft (aufsuchende Arbeit) sind neben der notwendigen beruflichen Qualifizierung wichtig: Interkulturelle Kompetenz bedeutet lebenslanges Lernen und Reflexion.

Die Reflexion über die Rolle von Schule und Lehrenden sowie über eigene und andere kulturelle Wertvorstellungen sollte laut Vertretern von Hilfsverbänden Geflüchteter bereits im Lehramtsstudium stattfinden. Ebenso sollten in die Curricula der Lehrerausbildung neben fachlichen Kompetenzen auch soziale Kompetenzen (Empathiefähigkeit) aufgenommen und abgeprüft werden. Im Lehralltag selbst seien kollegiale Fallberatung und Supervision wichtige Elemente der Reflexion. Auch Auslandsaufenthalte von Studierenden und Lehrenden sollten stärker gefördert werden. Denn die Erfahrung des Fremdseins würde angehenden Lehrkräften die notwendige soziale Empathie und das Verständnis für die Gleichwertigkeit anderer Kulturen mit in den Klassenraum geben.

Einigkeit bestand bei den Teilnehmenden auch darüber, dass die Förderung von Integration möglichst früh – bereits in der Kita – beginnen sollte. Um hier zielgerichtet ansetzen zu können, wäre ein Diagnose-Instrumentarium notwendig. Dieses sollte entweder den Lehrenden selbst zur Verfügung stehen oder von externen Partnern (beispielsweise spezialisierten Bildungsträgern) durchgeführt und ausgewertet werden.

Zur Bedeutung positiver Vorbilder in Bezug auf Leistungsbereitschaft und Motivation von Kindern und Jugendlichen waren alle Anwesenden einig, dass erfolgreiche junge Bildungsabsolventen mit ähnlichem kulturellem Hintergrund als Role Models eingesetzt werden könnten. Eine wichtige Ergänzung machten die Vertreter der Arbeitgeber zur Ausbildungssituation in den Betrieben: Die Ausbilder dort seien keine ausgebildeten Pädagogen und müssten mit gezielten Weiterbildungsangeboten auf die Besonderheiten von heterogenen Lern- und Ausbildungssettings speziell vorbereitet werden.


 

 

Thementisch 2: Familie als Bildungsort

Jörg Belden von der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung Hamburg eröffnete den Thementisch mit der These, dass den Eltern eine wichtige Rolle bei den Übergängen zwischen den einzelnen Bildungsetappen und bei dem Übergang von Schule zu Beruf zukomme. In den vier Diskussionsrunden wurden teils aufeinander aufbauende Leitfragen diskutiert. Dabei ging es etwa um die Frage, welche Bedarfe Eltern an Unterstützungs- und Informationsangeboten haben, damit sie ihre Kinder erfolgreich auf ihrem Bildungsweg unterstützen können. Auch wurde der Frage nachgegangen, wie man Frauen als Mütter erreichen kann, die – oftmals aus kulturellen Gründen – außerfamiliäre unterstützende Bildungsangebote nicht wahrnehmen.

Hervorgehoben wurde, dass der erste Schritt einer gelingenden Elternunterstützung eine Bedarfserhebung bei den konkret zu beteiligenden Eltern sei: Die Bedarfe können durchaus von Bildungsetappe zu Bildungsetappe unterschiedlich sein und auch von der jeweiligen Lebenssituation der Eltern abhängen (Beispiel Flüchtlingsfamilien). Viele neu eingewanderte Familien erlebten eine „Überforderungssituation“ durch das Einleben in Deutschland mit all seinen unterschiedlichen Facetten (Wohnsituation, finanzielle Situation, Behördengänge usw.), weshalb Unterstützung notwendig sei. Zudem sollte eine solche Bedarfsorientierung auch innerhalb der Bildungsinstitutionen strukturell angelegt sein.

Ein allen Eltern gemeinsamer Bedarf nach Information wurde bereits ausgemacht: Die Aufklärung zum hoch differenzierten deutschen Bildungssystem, fokussiert auf das jeweilige Bundesland. Es wurde vielfach betont, dass die Beratung in einer Kombination aus Ehrenamt und verlässlichen hauptamtlichen Strukturen erfolgen sollte und Sprachbarrieren der Eltern berücksichtigt werden müssen.

Einen großen Raum in den Diskussionsrunden nahm die Zusammenarbeit von Schule und Eltern ein. Hier wurde betont, dass die kulturellen Unterschiede stärker berücksichtigt werden müssten, ebenso wie das Wissen, dass die Bildungssysteme in anderen Ländern den Eltern vielfach eine weniger aktive Rolle in der Bildungsarbeit zuweisen. Als Beispiele guter Praxis wurden mehrsprachige Broschüren für Eltern genannt, die über das Bildungssystem, Erziehung und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten informieren. Einstimmigkeit bei den Teilnehmenden gab es darüber, dass die Informationsmaterialien in einfachem Deutsch verfasst werden sollten. Verbindliche Verträge zwischen Schule und Eltern bei Schuleintritt eines Kindes über die Art ihrer Zusammenarbeit wurden als weiteres Beispiel guter Praxis genannt.

Einige Teilnehmende warnten vor der Überfrachtung von Eltern mit Bildungsverantwortung. Geflüchtete hätten nach Ankunft in Deutschland häufig drängendere Sorgen als die Schulbildung der Kinder. Auch wurde darauf verwiesen, dass Eltern (unabhängig vom Migrationsstatus) zunehmend weniger Zeit haben, sich um die schulischen Belange der Kinder zu kümmern. Daher solle den Eltern vor allem die Verantwortung für Motivation und Unterstützung ihrer Kinder übertragen werden. Der wesentliche Erfolgsfaktor für den Bildungserfolg von Kindern liege aber in der Hand der Schulen.

Damit dieser Spagat gelinge, so die Meinung vieler Teilnehmenden, sei es wichtig, ergänzend zu den Lehrern auch professionelles außerschulisches Personal an den Schulen einzusetzen – beispielsweise Jugendhilfeträger. Dann könnten Schulen und Kitas mit ihrer Arbeit auch die Integration der Eltern unterstützen, etwa durch gemeinsame Freizeitangebote oder die Unterstützung im Alltag. Hier wurde als gelungenes Beispiel die zu Familienzentren weiterentwickelten Kitas in NRW genannt.

Denn für gelingende Integration durch Bildung sei es erforderlich, dass Schulen – ebenso wie Kitas – zu Orten werden, die tatsächliche Partizipation (im Sinne einer echten Mitsprache und nicht nur der Bereitstellung von „Hackbällchen auf Festen“) ermöglichen und offen sind für außerschulische (Förder-)Partner.


 

 

Thementisch 3: Akteure und Begleiter im Übergang zwischen Bildungsetappen

Susanne Kretschmer vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung und André Grabinski vom Bundesinstitut für Berufsbildung gingen zunächst auf die hohe Komplexität der Fragestellung ein: Welche Strukturen sind für das Gelingen von Übergängen und insbesondere den Abschluss beruflicher Ausbildung notwendig? Gleichzeitig müssten die Strukturen benannt und diskutiert werden, welche für die Stärkung des Einsatzes von (beruflich und akademisch vorgebildeten) Fachkräften in Unternehmen nötig sind. Der Fokus lag dabei auf der Frage, welche betrieblichen Kompetenzen für die bessere Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in der Aus- und Weiterbildung benötigt werden und wie diese Personengruppe innerhalb der Berufsorientierung unterstützt werden kann.

Einigkeit herrschte in dem Punkt, dass eine Berufsorientierung möglichst früh ansetzen müsse, da gerade die Gruppe der Neuzugewanderten kaum Kenntnisse über die Besonderheiten des deutschen dualen Ausbildungssystems habe. Als zielführend sahen viele Diskussionsteilnehmende einen höheren Anteil praktischer Bezüge im Unterricht und betriebliche Praktika an, die bereits in der 5. bis 7. Klasse durchgeführt werden sollten, unabhängig vom Schultyp. Um eine gute Einbettung der Praktikumsphasen gewährleisten zu können, sollten sich Schulen und Betriebe stärker als bisher vernetzen, damit Schüler unabhängig vom Elternhaus in Kontakt mit Betrieben kommen könnten. Als elementar wichtig wurde außerdem genannt, dass innerhalb der Ausbildung genügend Zeit zur Festigung und Verbesserung sprachlicher und berufsfachlicher Kenntnisse eingeplant werde. Individuelle Beratung und Betreuung sollten in das Konzept der Berufsorientierung integriert, Wartezeiten für Berufsberatung reduziert werden. Angeregt wurde auch ein Case Management, wobei die beratende Person die gesamte Bildungsbiografie im Blick behalten soll. Jugendmigrationsdienste sollten besser vernetzt werden mit den Akteuren der Berufsorientierung.

Kultursensible Begleitung und diskriminierungsfreie Berufsorientierung seien die elementare Basis, denn Diskriminierung wurde von vielen der Teilnehmenden in engem Zusammenhang zu Motivation und (Nicht-)Erreichen von Ausbildungszielen gesehen. In den Berufsschulen sollte Diskriminierungsschutz dementsprechend noch stärker Bestandteil der Lehre werden. Dies bedeutet auch einen Qualifizierungsbedarf bei den Lehrkräften. Deutlich wurde, dass den Berufsschulen eine Korrektivfunktion zukommt, weil Berufschullehrer aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit Betrieben dort eventuell auftretende Missstände (etwa die Häufung von Ausbildungsabbrüchen in einem Betrieb oder die Nichteinhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen in der Ausbildung) am frühesten erkennen.

Nachbesserungsbedarf im Bereich eines kultursensiblen Umgangs wurde auch bei anderen Akteuren gesehen: Öffentliche Einrichtungen wie Jobcenter oder Berufsinformationszentren und auch Lehrkräfte in den Schulen sollten geschult werden, damit eine sachlich richtige und motivierende Bildungswegeplanung junger Menschen mit Migrationshintergrund erfolgen kann. Breite Zustimmung fand auch die Forderung, dass Role Models besser sichtbar gemacht werden sollten: Eine Erhöhung des Anteils an Beschäftigten mit Migrationshintergrund in Bildungseinrichtungen, öffentlichem Dienst, Berufsschulen und als Ausbilder wurde angeregt.

In Bezug auf die Arbeit von Migrantenorganisationen und anderen gesellschaftlichen Akteuren ist es nach Meinung der Teilnehmenden erforderlich, dass Maßnahmen und Stellen langfristig geplant werden. Ziel sollte es sein, dass Projekte und andere vorübergehende Maßnahmen nur zum Zweck der strukturellen Öffnung durchgeführt, die Aufgabe dann aber institutionalisiert werden sollte (in Form von hauptamtlichen Stellen), damit es nicht durch Personalverlust nach Projektablauf zur Auflösung aufgebauter wichtiger Netzwerke kommt. Nur durch eine nachhaltige Verstetigung in Regelstrukturen bzw. eine Institutionalisierung können Abwanderung und Verlust von aufgebautem Erfahrungswissen und die damit einhergehende Demotivation – insbesondere auch bei den ehrenamtlich Tätigen – vermieden werden.


 

 

Thementisch 4: Migrantenorganisationen als Brückenbauer

Da Dr. Delal Atmaca vom Dachverband der Migrantinnenorganisationen DaMigra e. V. verhindert war, moderierte Stephanie Brauser-Jung vom DLR-Projektträger die Diskussion an diesem Thementisch. Sie setzte den Fokus auf folgende Fragen: Welche Unterstützung brauchen Migrantenorganisationen, um tatsächlich Mittler- oder Scharnierfunktionen wahrnehmen zu können? Und welche Bedingungen sind für das Gelingen notwendig?

Eine zentrale, in allen Austauschrunden des Thementisches genannte Herausforderung, ist die Ehrenamtlichkeit der Akteure: Die Personen, die sich in den Migrantenorganisationen engagieren, tun dies immer ehrenamtlich, neben ihren anderen familiären und beruflichen Verpflichtungen. Somit finden sich hier weder professionelle Bildungsexperten noch Kenner des deutschen Verwaltungswesens und Zuwendungsrechts. Dies sollte bei einer angestrebten Zusammenarbeit beachtet werden. Projektanträge (etwa für die Finanzierung bestimmter Aktionen) werden deswegen manchmal gar nicht oder nur mit großer Mühe geschrieben. Als mögliche Abhilfe wurde hier von der Mehrheit der Teilnehmenden ein entsprechendes Weiterbildungsangebot angeregt, ebenso ein organisierter Austausch zwischen neuen bzw. kleinen Migrantenorganisationen und bereits etablierten Akteuren – eventuell sogar in Form eines Patensystems.

Vorteile der ehrenamtlichen Akteure seien der niedrigschwellige Zugang zur Zielgruppe und zu Themen wie Radikalisierungsprävention und Wertevermittlung. Auf Dauer kann aber ausschließlich ehrenamtliche Arbeit keine stabile Scharnierfunktion erfüllen, so die einhellige Meinung. Entsprechend wurde eine Verstärkung durch hauptamtliche Mitarbeiter empfohlen, insbesondere bei länger existierenden Migrantenorganisationen oder Elternverbänden. So würde man auch die Gefahr einer Überforderung der Migrantenorganisationen als Brückenbauer minimieren.

Mit besseren finanziellen und personellen Voraussetzungen, so die einhellige Meinung, können Migrantenorganisationen eine professionellere Mittler- oder Mediatorenfunktion zwischen Schule und Eltern einnehmen. In dieser Diskussion wurde ein weiterer Kritikpunkt angesprochen: Wenn Migrantenorganisationen von pädagogischen Institutionen wie beispielsweise Schulen als Vermittler angefordert würden, wird fast immer eine einseitige Vermittlung erwartet. Als wichtiger und nachhaltiger wurde von den Teilnehmenden jedoch angesehen, eine Mittlerrolle einzunehmen, die einen gegenseitigen Austausch fördere, also das Miteinander der unterschiedlichen Kulturen und ein gegenseitiges Voneinanderlernen.

Eine große Herausforderung sehen die Teilnehmenden in der Ansprache von Migranten, die bereits lange in Deutschland leben. Hier wurde eine aktive „aufsuchende“ Arbeit insbesondere in ihrer eigenen Sprache als besonders erfolgversprechend bezeichnet. In diesem Kontext wurde allerdings die Rolle von Glaubensgemeinschaften kritisch diskutiert.


Panel 2: Fachkräfte und Betriebe auf dem Weg zur Berufsanerkennung unterstützen

 

 

Thementisch 1: Information und Beratung

Wie steht es aktuell um die Angebote zur Information und Beratung zur Berufsanerkennung? Wo und wie lässt sich etwas verbessern? Diese zentralen Fragen diskutierten am Thementisch „Information und Beratung“ die Teilnehmenden mit der Expertin Lâle Yildirim, die als Leiterin der IQ-Anerkennungsberatung beim Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg e. V. über langjährige Erfahrung in der Anerkennungsberatung verfügt. Als eine zentrale Herausforderung im Anerkennungsprozess betrachtet Yildirim den Übergang von der Beratung zu den Verfahren bei den zuständigen Stellen. Erfahrungen aus der Sicht einer Anerkennungsinteressierten und Antragstellerin steuerte Nadezda Zubkova bei, die das Verfahren zur Anerkennung als Ingenieurin erfolgreich durchlaufen hat. Insgesamt hat die Diskussion folgende Ergebnisse und Botschaften erbracht.

Mehr Transparenz im Angebotsdschungel: Die zahlreichen Beratungsangebote zur Anerkennung stellen sich für Außenstehende als „Angebotsdschungel“ dar. Für Anerkennungsinteressierte sei es schwierig, die passende Institution zu finden und von dort zur nächstzuständigen Stelle zu gelangen. Dies gilt besonders für Menschen im Ausland, die zusätzlich mit Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen konfrontiert werden. Daher müsse möglichst transparent sein, welche Ansprechpartner an welchem Punkt des Verfahrens zur Verfügung stehen. Mehr Transparenz für Außenstehende sei nur zu erreichen, wenn die beteiligten Akteure selbst umfassend über die vorhandenen Netzwerke informiert sind. Nur so könnten Antragstellerinnen und Antragsteller zielgerichtet begleitet und verwiesen werden. Anerkennung müsse als ganzheitlicher Prozess betrachtet werden, der über den Bescheid hinausgehe und konkrete Unterstützung zur nachhaltigen Arbeitsmarktintegration umfasse.

Stärkere Vernetzung und Verweisberatung: Eine bessere Übersicht über die verschiedenen Informations- und Beratungsangebote zur Anerkennung, Qualifizierung und Arbeitsmarktintegration setze die effektive Vernetzung aller Akteure voraus. Dazu zählen die zuständigen Stellen, Beratungsstellen, Arbeitsverwaltung, Ausländerbehörden und Unternehmen. Wichtig sei die Verweisberatung, bei der an die jeweils andere Institution oder zuständige Stelle verwiesen wird. Vernetzung und Wissenstransfer würden zudem akut notwendig, wenn das befristete IQ-Netzwerk nach dem Jahr 2022 möglicherweise in dieser Form nicht mehr besteht.

Flexiblere Finanzierung: Verzögerungen im Anerkennungsverfahren hätten in den meisten Fällen finanzielle Gründe. Das Problem betrifft neben den zuständigen Stellen und Beratungsinstitutionen vor allem die Antragstellerinnen und Antragsteller. Zur Finanzierung der Kosten für das Verfahren können diese auf unterschiedliche Fördermöglichkeiten zurückgreifen. Der Anerkennungszuschuss des Bundes sei eine große Hilfe, sollte aber flexibler gehandhabt werden: die Beantragung während des Anerkennungsverfahrens wäre ebenso wünschenswert wie eine Erhöhung der maximalen Fördersumme von derzeit 600 auf 1.000 Euro. Bei den zuständigen Stellen und Beratungsstellen führten mangelnde Finanzmittel zu Personalknappheit, die wiederum Verzögerungen verursache. So verantworteten z. B. die Handwerkskammern neben den Verfahren zumeist auch die Beratung. Der hier entstehende Stau könnte durch personelle Aufstockung relativ einfach aufgelöst werden. Auch hier sei die stärkere Vernetzung der Akteure essentiell, damit bei personeller Überlastung an andere kompetente Stellen verwiesen und somit der Gefahr begegnet werden könne, dass Antragsteller aus dem Verfahren aussteigen.

Anerkennung für Anerkennungsstellen: Die vor allem von Beraterinnen und Beratern vorgebrachte Kritik zum Beispiel an den Reaktionszeiten der zuständigen Stellen müsse aus deren Sicht differenziert betrachtet werden. Lange Wartezeiten, das Verstreichen von Fristen und andere Verzögerungen resultierten aus der konstatierten Personalknappheit sowie der Vielzahl von Arbeitsschritten, die die zuständigen Stellen durchführen müssten. Eine zusätzliche Information über die einzelnen Verfahrensschritte sei aus zeitlichen Gründen nicht möglich. Hier wäre ein neues Format zum persönlichen Austausch hilfreich und wünschenswert, um in regelmäßigen Abständen die Vernetzung und das gegenseitige Verständnis aller beteiligten Akteure auszubauen.


 

 

Thementisch 2: Anerkennungsverfahren

Welche Möglichkeiten stehen Beschäftigten zum Spracherwerb und welche zur Finanzierung der Kosten des Anerkennungsverfahrens zur Verfügung – insbesondere dann, wenn sie keine Förderung gemäß SGB II und SGB III erhalten? So lauteten an diesem Thementisch die zentralen Fragen, zu denen Julia Lexow-Kapp, Leiterin der IQ-Beratungsstelle für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse beim Arbeitsministerium in Potsdam, sowie Faisal Hamdo, Physiotherapeut mit anerkannter ausländischer Berufsqualifikation, als Experten Auskunft gaben. Insgesamt waren sich die Teilnehmenden darüber einig, dass das bestehende Angebot in beiden Bereichen bereits gut sei, zugleich jedoch Verbesserungspotenzial bestehe.

Zur Frage der Finanzierung wurde darauf hingewiesen, dass Beschäftigte aus dem Niedriglohnsektor keinen Zugang zu Fördermöglichkeiten der Arbeitsagenturen und Jobcenter hätten. Außerdem seien dieser Personengruppe die verschiedenen Finanzierungsmodelle oft nicht bekannt. Deshalb müssten die Informationen stärker gebündelt und dabei insbesondere die Migrantenorganisationen miteinbezogen werden, da diese häufig einen besseren Zugang zur Zielgruppe hätten.

Auch der Spracherwerb gestalte sich für diese Gruppe häufig schwierig: Zum einen seien die Informationen zu Sprachkursen für Interessierte nicht leicht zu finden. Zum anderen müssten die Sprachangebote noch stärker an die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst werden, beispielsweise an Menschen, die im Schichtbetrieb arbeiten oder in ländlichen Gebieten leben. Als mögliche Lösung wurde vorgeschlagen, die Informationen zu Sprachkursen auf einer zentralen Plattform zu bündeln und die Sozialen Netzwerke zu nutzen, um die Zielgruppe zu erreichen. Ein weiterer Punkt: Da die Kosten für Sprachkurse im Ausland häufig sehr hoch seien, wäre hier eine finanzielle Unterstützung hilfreich.

Zwei Ideen betrafen den Anerkennungszuschuss: Da der Antrag auf Anerkennung erst nach Bewilligung des Zuschusses gestellt werden könne, verzögere sich häufig der gesamte Anerkennungsprozess. Besser wäre es, wenn der Anerkennungszuschuss auch vorläufig bewilligt und damit der Antrag auf Anerkennung insgesamt früher gestellt werden könnte. Zudem wurde auch hier der Wunsch geäußert, den Anerkennungszuschuss von derzeit maximal 600 auf 1.000 Euro zu erhöhen, da z. B. Übersetzungskosten häufig sehr hoch ausfielen.


 

 

Thementisch 3: Wege zur Berufsanerkennung im Betrieb

Wie können Unternehmen im Anerkennungsverfahren noch besser von den zuständigen und beratenden Stellen unterstützt werden? Zudem wurde an diesem Thementisch die Rekrutierung von Fachkräften im Ausland durch Vermittlungsfirmen erörtert: Wie können faire Bedingungen für die künftigen Mitarbeitenden gewährleistet werden? Und wie können Betriebe auch ohne die Unterstützung von Vermittlungsfirmen eine größere Anzahl an Fachkräften auf einmal nach Deutschland holen? Als Expertinnen für die Sicht der Unternehmen fungierten Silke Kautzmann, Personalreferentin bei Dektro Abel, einem Handwerksbetrieb für Elektrotechnik in Mannheim, der seit Jahren sehr gute Erfahrung bei der Unterstützung ausländischer Fachkräfte während des Anerkennungsverfahrens macht, sowie Cornelia Swillus-Knöchel, die als Personalratsmitglied im Universitätsklinikum Essen die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland mit Hilfe von Vermittlungsfirmen sowie deren Auswirkungen bei der Belegschaft beobachtet.

Insgesamt wurde betont, wie wichtig eine möglichst hohe Transparenz über die bestehenden Beratungsangebote, Projekte und Fördermöglichkeiten für die Betriebe sei. Die regionalen Netzwerke zur Berufsanerkennung müssten ebenso wie Best-Practice-Beispiele von Unternehmen noch bekannter gemacht werden. Auch eine zentrale Website mit allen Förderprogrammen und Anlaufstellen für Unternehmen und Beratende sei wünschenswert. Insbesondere der Austausch und die gegenseitige Vernetzung der unterschiedlichen Akteure aus Unternehmen, Beratung und Politik müssten verstärkt und ausgebaut werden.

Zur Frage der Rekrutierung von Fachkräften wurde festgestellt, dass viele Vermittlungsfirmen gute Arbeit leisteten. Um eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration und soziale Teilhabe zu erzielen, seien jedoch gesetzliche Standards ebenso notwendig wie die Schulung von Personalräten. Schließlich wurden bestehende Projekte zur Anwerbung bestimmter Berufsgruppen in ausgewählten Ländern, z. B. Ärztinnen und Ärzte in Mexiko, sowie Sprachschulen als Ort der Rekrutierung von Fachkräften angesprochen.


Panel 4: Das Verfahren der Berufsanerkennung: Besonderheiten, Herausforderungen und Lösungsideen

 

 

Thementisch 1: Herausforderungen und Lösungsideen bei der Berufsanerkennung

Wie kann das Anerkennungsverfahren noch effizienter und einheitlicher gestaltet werden? Welche Rolle spielen Wissensmanagement und die Bündelung von Kompetenzen? Wo liegen die Herausforderungen? So lauteten die Leitfragen dieses Thementisches, an dem Lukas Schmülling vom Landesprüfungsamt für Medizin, Psychotherapie und Pharmazie der Bezirksregierung Düsseldorf als erfahrener Experte zu verschiedenen Themen Auskunft gab. Dazu zählten u.a. die Vereinheitlichung der Verfahren und Entscheidungen in den einzelnen Bundesländern, die gezielte Schulung und Spezialisierung von Beraterinnen und Beratern für bestimmte Berufe, die Bündelung und Aktualisierung von Informationen zu Berufen und Herkunftsländern auf den bereits bestehenden Plattformen.

Zur Verbesserung der Verfahrenspraxis wäre nach Meinung der Teilnehmenden eine stärkere Kooperation zwischen den Bundesländern wünschenswert, wenn es z. B. darum geht, einheitlichere Kursangebote für Anpassungsmaßnahmen zu schaffen. Ebenso wünschten sich viele, dass die zuständigen Stellen ihre Entscheidung über Ausgleichsmaßnahmen transparent machten und mit den Unternehmen kooperierten, damit diese ein Feedback zur Entscheidungspraxis geben könnten. Als eine konkrete Lösungsidee zur bundesweiten Informationsbündelung wurde vorgeschlagen, eine Zentralstelle zur Beratung von Anerkennungsinteressierten einzurichten oder alternativ die angestrebte zentrale Servicestelle auf das Inland auszuweiten.


 

 

Thementisch 2: Schnittstellen zu anderen Instrumenten der Kompetenzerfassung

Mit welchen Instrumenten lassen sich berufliche Kompetenzen sichtbar machen und zertifizieren? Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Was kann für das Anerkennungsverfahren genutzt und was aus dem Anerkennungsverfahren auf andere Instrumente übertragen werden? Dazu referierte an diesem Thementisch Jörg Engelmann von der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern über die zahlreichen Instrumente, Verfahren und Projekte zur Kompetenzfeststellung. Diese reichen von der klassischen Prüfung, über Gleichwertigkeitsfeststellungen bis hin zu Validierungsverfahren.

Als große Herausforderungen wurden der zeitliche Aufwand und die Kosten genannt, die je nach Instrument und Verfahren unterschiedlich ausfielen: So sei der Vorbereitungsaufwand für den Antragstellenden bei einer klassischen Prüfung sehr hoch, bei der Qualifikationsanalyse (QA) oder bei einem Validierungsverfahren könne dieser im Einzelfall jedoch geringer ausfallen. Hier sei der Aufwand für die zuständige Stelle und die bewertenden Experten wiederum höher. Für die recht hohen Kosten für QA und Validierung seien Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden, die jedoch besser kommuniziert werden müssten. Ein Nachteil sei, dass viele Verfahren bisher keine gesetzliche Grundlage hätten und sich auf bestimmte Berufe beschränkten. Als weiteres Verfahren wurde „MySkills“ von der Bundesagentur für Arbeit (BA) angeführt, das als Vorstufe für Teil- und Weiterqualifizierungen genutzt werde.

Insgesamt waren sich die Teilnehmenden einig, dass die Instrumente zur Kompetenzerfassung den beteiligten Akteuren (noch) bekannter und transparenter gemacht werden sollten, damit Synergien genutzt werden könnten. Insbesondere die Unternehmen müssten auf bestehende Möglichkeiten hingewiesen und bei der Durchführung von Kompetenzfeststellungsverfahren unterstützt werden. Zumal die Betriebe von entsprechenden Verfahren z. B. als Instrument der Personalentwicklung profitieren könnten. Zertifizierungen von beruflichen Kompetenzen werden als wichtige Instrumente angesehen, die standardisiert werden und internationale Gültigkeit erhalten sollten.


 

 

Thementisch 3: Von anderen Ländern lernen

Wie gestalten andere Länder die Verfahren und Instrumente zur Berufsanerkennung? Was kann Deutschland davon lernen? Dazu berichtete an diesem Thementisch Dr. Christiane Eberhardt vom Bundesinstitut für Berufsbildung über ausländische Erfahrungen am Beispiel klassischer Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und Neuseeland. Diese Länder verfolgen das Prinzip der Skilled Migration; das bedeutet eine qualifizierte Einwanderung, die sich streng auf die jeweils aktuellen wirtschaftlichen Bedürfnisse ausrichtet. Dabei sei die Berufsqualifikation nur ein Faktor unter vielen, die zur Einwanderung berechtigten. Spezielle Berufe-Mängellisten und ein Punktesystem, das Alter, Berufspraxis, Sprachkenntnisse sowie Einsatzbereitschaft und Flexibilität der Interessenten bewertet, spielten eine dominierende Rolle. Australien beispielsweise veranstalte Assessmentcenter im Ausland, um die fachlichen Kenntnisse potenzieller Immigranten bereits vor Ort zu prüfen. Auf ein solches Skills Assessment folge zumeist ein befristetes Arbeitsvisum und ein kostenpflichtiges Gap Training, mit dessen Hilfe die volle Berufszulassung erlangt werden könne. Die Bewilligung des Visums sei an weitere Voraussetzungen wie gesundheitliche Eignung und Schuldenfreiheit gekoppelt. Die fachlichen Anforderungen der Assessmenttests, die in regelmäßigen Abständen stattfinden, seien detailliert, für jeden einsehbar und damit sehr transparent.

Fazit: Auf der praktischen Ebene seien das deutsche System und Anerkennungsverfahren in anderen Ländern durchaus vergleichbar. Letztere unterschieden sich jedoch in der Zielsetzung und ihrer allein auf den wirtschaftlichen Bedarf ausgerichteten Zweckbestimmung. Die heterogene und spezifische Berufslandschaft in Deutschland erschwere zudem eine pauschale Übernahme von Lösungsansätzen aus anderen Einwanderungsländern. Als für Deutschland wünschenswerte Einrichtungen wurden der Migration Agent und die Fairness Commission ausgemacht: Der Migration Agent steuert das Einwanderungserfahren und übernimmt die Kommunikation mit allen beteiligten Behörden. Die Fairness Commission dient als Beschwerde- und Clearingstelle. Auch das Konzept des Skills Assessment fand an diesem Thementisch breites Interesse.