IQ Kongress 2016

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Migration bewegt – Menschen, Gesellschaft, Politik

Am 6. und 7. Dezember 2016 fand in Berlin der IQ Kongress zum Thema "Migration bewegt – Menschen, Gesellschaft, Politik" statt. Mitarbeiterinnen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gestalteten den Kongress aktiv mit.

Im Fokus des zweitägigen IQ Kongresses 2016 stand ein vielseitiger Meinungsaustausch darüber, welche rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die soziale Teilhabe von Zugewanderten ermöglichen und wie eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann. Insgesamt diskutierten rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in 4 Panels, 6 Roundtables und 28 Workshops. An der Gestaltung von 4 Workshops und einem Roundtable waren Mitarbeiterinnen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aktiv beteiligt. Darüber hinaus fand ein reger fachlicher Austausch am zentral platzierten Infostand von "Anerkennung in Deutschland" statt.

Einfache Sprache im Anerkennungsprozess

Am ersten Kongresstag bot "Anerkennung in Deutschland" einen Workshop zum Thema "Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? – Einfache Sprache in der Beratung und für Verwaltungsdienstleistungen" an. Initiatorin und Moderatorin des Workshops war Julia Lubjuhn von "Anerkennung in Deutschland", als Expertinnen für Einfache Sprache lieferten Cristina Torres Mendes von basis & woge e.V und Angela Leinen (Rechtsanwältin und Mediatorin) einen wichtigen inhaltlichen Input.

Ziel des Workshops war zum einen die Darstellung der Unterschiede zwischen Leichter Sprache und Einfacher Sprache. Ein weiteres Ziel war die konkrete Anwendung von Einfacher Sprache sowohl in der gesprochenen Sprache als auch in der Schriftsprache. Cristina Torres Mendes animierte die Teilnehmenden zu einer sprachpraktischen Übung, die verdeutlichte, dass schon kleine Hindernisse in der Muttersprache die Kommunikation ungemein erschweren. Sie gab daraufhin einige Tipps, die die Verwendung von Einfacher Sprache im Beratungskontext erleichtern (z.B. nicht in Kindersprache verfallen, Begriffe durchgängig in gleicher Weise verwenden). Anschließend suchte Angela Leinen anhand eines Textes des Anerkennungsportals mit den Teilnehmenden nach Möglichkeiten, diesen in Einfache Sprache zu übersetzen.

Schnell stellte sich heraus, dass in Texten zum Thema Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sehr viel Fachwissen (z.B. über das deutsche duale Ausbildungssystem oder das deutsche Kammersystem) vorausgesetzt wird. Das heißt, dass es beim Umgang mit Migrantinnen und Migranten nicht nur um die Verwendung von Einfacher Sprache geht, sondern auch um Kontextwissen und Erläuterungen zum Thema Anerkennung. Wenn man in der Beratung, Verwaltung oder Online-Redaktion tätig ist, sollte man sich stets vergegenwärtigen, was Zugewanderte alles nicht über Deutschland wissen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen nutzerorientierten Einsatz der Einfachen Sprache.

Weitere Informationen zur Einfachen Sprache finden Sie in BWP 6/2016: Sprache im Beruf (kostenloser Download).


Welche Bedingungen sind aus Sicht der Unternehmen entscheidend für die berufliche Integration von Zugewanderten?

In dem gemeinsamen Workshop "Rekrutierung, Beschäftigung und berufliche Integration von ausländischen Fachkräften bzw. Auszubildenden unter besonderer Berücksichtigung von Geflüchteten aus der Sicht von Unternehmen" von Meike Weiland (BIBB), Julia Freudenberg (Leuphana Universität Lüneburg) und Dr. Klaus Weigeldt (PIN Mail AG) wurden zentrale Bedingungen und Erfolgsfaktoren für die Beschäftigung von Fachkräften, Auszubildenden und Flüchtlingen aus der Perspektive von Unternehmen vorgestellt. Während sich die Beiträge der beiden letztgenannten auf die Gruppe der Flüchtlinge beschränkte, standen im Vortrag von Meike Weiland die erfolgreiche Rekrutierung und berufliche Integration im Ausland qualifizierter Auszubildender und Fachkräfte im Fokus. Sie stellte die Ergebnisse des Forschungsprojekts "Zuwanderung nach Deutschland – Betriebliche Entscheidungsfaktoren der Personalrekrutierung" (FaMigra) vor und beschrieb aus Unternehmenssicht die Herausforderungen, die sich aus dem branchenspezifischen Fachkräftemangel im Inland und der Zunahme der Flüchtlingszuwanderung seit 2015 für die Betriebe ergeben.

Das entscheidende Motiv für das Engagement der Unternehmen ist der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Hierfür werden Auszubildende und Fachkräfte zum Teil direkt in ihren Heimatländern innerhalb der EU und in Drittstaaten angeworben oder durch Vermittlungsagenturen, öffentlich geförderte Programme oder auf Initiative von Kammern und Verbänden an die Betriebe vermittelt. Im Gesundheitsbereich erleichtert die Anerkennung der Berufsqualifikation, die Voraussetzung für eine Berufserlaubnis im reglementierten Bereich ist, eine Einschätzung der fremden Abschlüsse für die Arbeitgeber. Aus ihrer Sicht sind deutsche Sprachkompetenzen das zentrale Kriterium für eine erfolgreiche Beschäftigung. Kenntnisse zumindest auf dem B1-Niveau bilden den Ausgangspunkt für den weiteren kontinuierlichen, beruflich bedingten und fachspezifischen Spracherwerb, der durch ein entsprechendes Kursangebot unterstützt werden sollte. Insbesondere kleinere Betriebe können dies jedoch weder finanzieren noch bereitstellen. Gegenüber den in Deutschland lebenden Flüchtlingen zeigten die befragten Unternehmen eine große, fast selbstverständlich wirkende Offenheit. Zwischen Flüchtlingen und Arbeitsmigrantinnen und -migranten unterscheiden die Unternehmen kaum – das betrifft allerdings auch die Anforderungen an die Qualifikation und die Sprachkenntnisse.

Weitere Informationen und Ergebnisse finden Sie im BWP-Artikel 1/2016 (kostenloser Download) und in der Datenbank der Projekte des Bundesinstituts für Berufsbildung DaPro 2.1.309.

festlich beleuchteter Saal mit vielen Teilnehmern und einem Mann auf einer Leinwand


Einfluss der Medienberichterstattung auf die Integration von Zugewanderten

Das Bild von Migrantinnen und Migranten in den Medien prägt maßgeblich deren soziale und berufliche Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Auf welche Art und Weise und in welchem Umfang die Berichterstattung auf berufliche Integration wirkt, erörterten Meike Julia Dahmen und Anne Görgen-Engels von KAUSA, der Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration, gemeinsam mit den Teilnehmenden im Roundtable "Schaffen wir Barrieren? Wirkung der Berichterstattung auf berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten".

Zum Einstieg in die Diskussion fragten die Moderatorinnen nach den Assoziationen der Teilnehmenden, wenn sie "Migrantinnen und Migranten in den Medien" hören. Heraus kam eine Vielzahl an unterschiedlichen Verknüpfungen mit dem Thema: Von Fußballspielern über Flüchtlinge und Grenzzäune bis hin zu Kopftüchern und den typischen Schlagzeilen war alles dabei. Stark im Fokus waren erwartungsgemäß Flüchtlinge und die Debatte um die Berichterstattung über sie. Die 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten schließlich darüber, wie Medien die gleichberechtigte berufliche Integration positiv beeinflussen können und welche Rolle Stereotypisierungen dabei einnehmen. Ein Vorschlag war, den Migrantengruppen die Chance zur Eigendefinition zu geben, also die Möglichkeit, dass der Berichtende die betroffene Gruppe fragt. Hier schloss sich die Frage nach Identität an. Vor allem aber steht die Auseinandersetzung mit dem medialen Einfluss auf die Reaktion der Bevölkerung.

Zum Abschluss des Roundtables widmeten sich die Diskutanten der Frage, was sie tun würden, wenn sie die Berichterstattung über die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten (mit)gestalten könnten und formulierten vielfältige Antwortmöglichkeiten: unter anderem die Abbildung von Positivbeispielen und das Achten auf Differenzierung sowie Multiperspektivismus in der Berichterstattung.

Weitere Informationen zu KAUSA finden Sie hier: www.jobstarter.de/kausa.


Nutzen Unternehmen die berufliche Anerkennung?

Am zweiten Tag des IQ Kongresses rückte mit dem Workshop "Anerkannt! – Eine Chance für Unternehmen?!" erneut die unternehmerische Perspektive in den Mittelpunkt des Themas Anerkennung. Im Fokus des Workshops, der von Dr. Rebecca Atanassov vom BIBB initiiert und moderiert wurde, stand die Frage nach der tatsächlichen Nutzung des Instruments der beruflichen Anerkennung durch Unternehmen. Auf der Basis von drei inhaltlichen Inputs wurden Herausforderungen hinsichtlich der Nutzung von Anerkennung durch Unternehmen und mögliche Lösungen mit den Teilnehmenden diskutiert.

Zu Beginn des Workshops stellte Dr. Jessica Erbe vom Projekt "Monitoring der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes des Bundes" (kurz: Anerkennungsmonitoring) am BIBB in ihrer Präsentation die Dauer der Anerkennungsverfahren sowie die fehlenden oder mangelnden Sprachkenntnisse der Anerkennungssuchenden als zentrale Herausforderungen für die Betriebe heraus. Daraufhin skizzierte Indre Zetzsche vom Projekt "Unternehmen – Berufsanerkennung" (DIHK Service) in ihrem Vortrag eher grundsätzliche Herausforderungen des Themas. Aus ihrer Projekterfahrung stellte sie zum einen die geringe Bekanntheit der Anerkennungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt, zum anderen berichtete sie, dass die Mehrwerte einer Berufsanerkennung für Unternehmen oftmals unklar sind. Daher bedarf es einer spezifischen "Anerkennungskommunikation", die die Spezialität und Komplexität des Themas sowie die fehlende Dringlichkeit berücksichtigt. Die Mehrwerte für Unternehmen müssen "mundgerecht" und damit zielgruppengerecht aufbereitet werden.

Schließlich berichtete Daniel Weber vom Projekt "Anerkannt" (DGB Bildungswerk) von seinen Erfahrungen aus der unternehmerischen Praxis und forderte eine Anerkennungskultur. Diese Anerkennungskultur lässt sich etablieren, wenn entsprechende Strukturen in Unternehmen geschaffen werden, die ein positives Leitbild formulieren, und die allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beispielsweise erlauben, an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Durch eine generelle positive Einstellung zu Weiterbildungen kann auch eine Anerkennungskultur in den Betrieben etabliert werden.

Weitere Informationen zum Anerkennungsmonitoring finden Sie auf der Internetseite des BIBB.


Welchen Beitrag können digitale Angebote zur (beruflichen) Integration leisten?

Parallel fand der Workshop "Willkommen in Deutschland – Möglichkeiten und Grenzen digitaler Angebote zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten" statt. Die Wege zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten sind vielfältig und werden von vielen Informationsangeboten begleitet. Orientiert an der hohen Internet-Affinität vor allem junger Geflüchteter, haben dabei digitale Angebote einen hohen Stellenwert. Die Spannbreite reicht von Übersetzungstools, Spracherwerb-Apps bis hin zu kompletten Qualifizierungsangeboten. Im Workshop gingen die Referentinnen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter anderem folgenden Fragen nach: Wie ist das Medienverhalten von Geflüchteten einzuschätzen? Welche Angebote gibt es und wie können sie sinnvoll im Integrationsprozess eingesetzt werden? Worauf muss bei der Entwicklung von Angeboten geachtet werden? Was können digitale Angebote nicht leisten? Die Teilnehmenden waren sich darüber einig, dass man nicht alle digitalen Angebote über einen Kamm scheren kann, da sie sehr vielfältig sind. Grundsätzlich lautete das Fazit aber: Orientierungs-Apps und Lernportale aller Art sind sehr nützlich, können eine persönliche und individuelle Beratung, bei der Rück- und Verständnisfragen möglich sind, generell nicht ersetzen.

Die Diskussion wurde ergänzt durch Vorträge der drei Referentinnen: Zunächst stellte Katharina Moraht von "Anerkennung in Deutschland" das Anerkennungsportal und die App kurz vor. Anschließend präsentierte Ariane Baderschneider von der IQ Fachstelle "Beratung und Qualifizierung" zielgruppenorientierte Lehr- und Lernsettings im virtuellen Klassenzimmer anhand von virtuellen Brückenmaßnahmen für zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker im nicht reglementierten Bereich (BWL und angrenzende Disziplinen sowie Psychologie).

Karin Ransberger von der IQ Fachstelle "Berufsbezogenes Deutsch" beleuchtete in ihrem Vortrag digitale Angebote zum Spracherwerb für Geflüchtete und präsentierte eine Sprachlern-App für Pflegeberufe, die derzeit von der IQ Fachstelle entwickelt wird.

Zur IQ Fachstelle "Beratung und Qualifizierung"
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