Anerkennungsmonitoring im BIBB

Mehrere Menschen besprechen Tabellen.
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Aktuelle Ergebnisse zum Thema Auslandsanträge

Verschiedenste Einrichtungen, die zum Gelingen der beruflichen Anerkennung beitragen, und zahlreiche an Anerkennung ihres Abschlusses Interessierte hat das Anerkennungsmonitoring-Team im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) seit 2013 befragt, interviewt und zu Workshops eingeladen. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Berichte zum Anerkennungsgesetz der Bundesregierung und eigene Veröffentlichungen ein. Aktuell untersucht das BIBB im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) das Thema Auslandsanträge. Für www.anerkennung-in-deutschland.de gibt das Team einen Einblick in erste Ergebnisse.

Was ist neu am Thema Auslandsanträge? Beziehen sich nicht sowieso alle Anträge zur Anerkennung auf im Ausland erworbene Abschlüsse?

Das stimmt, alle Anträge zur Anerkennung beziehen sich auf Abschlüsse aus dem Ausland. Die meisten dieser Anträge werden aber von Personen gestellt, die schon in Deutschland wohnen – teilweise schon lange. Mit „Auslandsanträgen“ meinen wir Anträge, die von Personen gestellt werden, die (noch) einen Wohnsitz im Ausland haben.

Wer kann vom Ausland aus einen Antrag auf Anerkennung stellen?

Das kann jeder, der einen im Ausland staatlich anerkannten Berufsabschluss erworben hat und in Deutschland arbeiten möchte. Ganz unabhängig von der Staatsangehörigkeit oder dem Aufenthaltsstatus. Allerdings hängt von der Staatsangehörigkeit einiges ab:

Für EU-Bürger gilt die Personenfreizügigkeit; deshalb benötigen sie eine Anerkennung nur bei reglementierten Berufen wie beispielsweise dem Arztberuf. Bei nicht reglementierten Berufen wie den dualen Ausbildungsberufen brauchen sie nicht zwingend eine Anerkennung, allerdings kann diese ihre Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt verbessern.

Anders ist das bei Fachkräften aus Drittstaaten: Sie können die Zuwanderungsregeln für Fachkräfte bei beiden Arten von Berufen nur dann nutzen, wenn sie ihre Qualifikation vorab prüfen und anerkennen lassen. Hier spielt unter anderem die Positivliste eine entscheidende Rolle. Durch sie wird ein berufliches Anerkennungsverfahren im nicht reglementierten Bereich verpflichtend. Drittstaatsangehörige benötigen in der Regel die volle Gleichwertigkeit, um für einen Arbeitsplatz einwandern zu können. Falls sie im ersten Schritt der Anerkennung nur eine teilweise Gleichwertigkeit erreichen oder eine Ausgleichsmaßnahme erfüllen müssen, können sie eine Qualifizierungsmaßnahme in Deutschland absolvieren. Dafür wurde im August 2015 der § 17a des Aufenthaltsgesetzes eingeführt.

Wird die Möglichkeit der Auslandsanträge oft genutzt?

Wir haben in der Statistik für die Jahre 2012 bis 2017 etwas mehr als 13.000 Anträge, bei denen die Antragstellenden im Ausland lebten, also 12 % der gesamten Anträge. Mit 69 % dieser Antragstellenden lebte ein Großteil von ihnen in einem Land der EU, des EWR bzw. der Schweiz; 31 % ‒ also etwa 4.000 ‒ lebten in einem Drittstaat. Bei den Drittstaaten handelte es sich vor allem um Bosnien und Herzegowina, Serbien und die Philippinen.

Die meisten Auslandsanträge, 85 %, stammten von Fachkräften aus dem medizinischen Gesundheitsbereich, also einem Sektor, in dem Fachkräfte benötigt werden und in dem der Berufszugang reglementiert ist.

Warum ist speziell das Thema Auslandsanträge relevant geworden?

Das Anerkennungsgeschehen bei den Berufen in Zuständigkeit des Bundes insgesamt beobachten wir seit mehreren Jahren. Dabei stand zunächst die bessere berufliche Integration der in Deutschland lebenden Menschen mit ausländischen Abschlüssen im Vordergrund. Zur Beantragung von Anerkennung vom Ausland aus war bisher noch wenig bekannt. Wir möchten nun aber wissen, welche Erfahrungen die zuständigen Stellen und andere Akteure mit Auslandsanträgen gemacht haben und an welchen Stellen Handlungsbedarfe bestehen oder bereits gute Lösungen gefunden wurden. Daher tragen wir jetzt erstmals systematisch die Perspektiven der Beteiligten zu einem Gesamtbild zusammen und verschaffen uns anhand der Statistik einen Überblick. In Fachveranstaltungen werden einzelne Herausforderungen natürlich schon länger diskutiert. Die Bundesregierung bereitet derzeit ja ein neues Fachkräftezuwanderungsgesetz vor, darin wird auch das Thema Anerkennung eine wichtige Rolle spielen. Daher hat das Thema Auslandsanträge an Relevanz gewonnen.

Was wurde bisher herausgefunden?

Wir haben Interviews mit zuständigen Stellen und anderen Akteuren aus den Bereichen Beratung und Vermittlung, aber auch mit Arbeitgebern, Verbänden und Behörden geführt. In den Gesprächen wurde deutlich, dass Fachkräftezuwanderung in Verbindung mit beruflicher Anerkennung an vielen Stellen noch nicht reibungslos verläuft. Zum Teil fehlen flächendeckende Informations- und Beratungsangebote im Ausland und der Visumsprozess ist oft langwierig. Auch die Sprachbarriere ist ein Problem: Vergleichsweise wenige Personen haben in der Schule Deutsch gelernt, so dass sie Sprachkenntnisse eigenständig erwerben und teilweise nachweisen müssen, um einwandern zu können. Schließlich verlaufen auch Teile des Anerkennungsverfahrens ‒ vor allem bei Auslandsanträgen ‒ noch nicht ganz so glatt, wie es ideal wäre.

Welche Ihrer Beobachtungen sind besonders bemerkenswert?

Für Drittstaatsangehörige sind die Hürden um ein vielfaches größer, auch aufgrund der rechtlichen Unterschiede zu EU-Bürgerinnen und -Bürgern. Für sie sind die Kosten oft höher als für EU-Angehörige, Beglaubigungen mitunter schwieriger zu erlangen, die Wartezeiten länger.

Interessant ist, dass es eine ganze Reihe von Projekten zur Fachkräfterekrutierung gibt, wo wir durchaus positive Rückmeldungen bekommen haben. Das sind teilweise staatliche Projekte wie Triple Win; aber auch viele private Vermittler. Auch Arbeitgeber rekrutieren selbst erfolgreich, vor allem im Pflegesektor, aber auch in technischen Berufen. Insgesamt haben wir oft gehört, dass es für Einzelantragstellende aus Drittstaaten sehr schwierig sei, durch das komplexe System zu navigieren, und Hilfestellung, sei es durch Vermittler oder andere, viel ausmachen kann.

In unseren Gesprächen sind wir auch auf die Position gestoßen, dass zur qualifizierten Zuwanderung vielleicht nicht in allen Berufen eine volle Gleichwertigkeit bereits zum Zeitpunkt der Einreise erforderlich sein muss. Der Gesundheitssektor erfordert natürlich die volle Gleichwertigkeit, das wird sich wegen der hohen Ansprüche an den Patientenschutz nicht ändern. Aber in anderen Berufen stellt sich schon die Frage, ob nicht bereits eine Fachkraft mit nur teilweiser Gleichwertigkeit zugelassen werden könnte. Die Anforderung einer vollen Gleichwertigkeit zu einem aktuellen deutschen Referenzberuf ist wegen der Besonderheiten der deutschen dualen Ausbildung hoch. In manchen Fällen, so wurde uns berichtet, hat die Prognose einer teilweisen Gleichwertigkeit (und damit erforderliche Nachqualifizierungen) dazu geführt, dass interessierte Fachkräfte die Zuwanderung nicht weiterverfolgt haben, obwohl einige Arbeitgeber durchaus auch Personen mit nicht ganz gleichwertiger Qualifikation einstellen würden.

Das Wesentliche, wurde uns gesagt, ist, dass die Arbeitgeber erfahren, was die Person kann – und dafür wird der Anerkennungsprozess geschätzt, denn er informiert darüber, welchem deutschen Beruf die ausländische Qualifikation entspricht und auf welchen Gebieten möglicherweise noch Unterschiede bestehen.

Gibt es denn noch offene Baustellen beim Anerkennungsprozess?

Das Anerkennungsverfahren ist ja doch noch relativ neu und hat sich immer wieder verändert, vieles wurde verbessert. Aber gerade die Antragstellung aus dem Ausland spielt bei vielen zuständigen Stellen noch eine untergeordnete Rolle. Es kam dann auch zu Situationen, dass einzelne zuständige Stellen plötzlich mit sehr vielen Anträgen aus dem Ausland konfrontiert waren, zum Beispiel, weil eine Klinik einen Personalvermittler beauftragt hatte. Die Bearbeitung von Anträgen aus Drittstaaten ist aber deutlich aufwändiger als von Anträgen zu EU-Abschlüssen. Das hatte zur Folge, dass einige Stellen an die Grenzen ihrer Kapazitäten stießen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Zuständigkeit der Stellen. Auch in bundesrechtlich geregelten Berufen im Gesundheitsbereich sind die Länder für die Umsetzung zuständig. Da Antragstellende aus dem Ausland noch keinen Wohnsitz in Deutschland haben, muss die Zuständigkeit einer Landesbehörde erst einmal nachgewiesen werden. Die Anforderungen an den Nachweis sind durchaus heterogen. Leichter ist es beispielsweise im IHK-Bereich, wo es eine zentrale Stelle gibt, die für fast alle Regionen in Deutschland zuständig ist.

Was passiert mit diesen Erkenntnissen? Wo kann man sie detailliert nachlesen?

Wir bringen die Ergebnisse in verschiedenen Formaten in die wissenschaftliche und politische Diskussion ein. Die vollständigen Ergebnisse veröffentlichen wir in der BIBB-Reihe Fachbeiträge im Internet. Als erstes wird im September die Faktenbasis mit Zahlen zur Beantragung aus dem Ausland erscheinen, im Spätherbst dann die Ergebnisse der Interviews. Wir hoffen, dass sie bei der Ausgestaltung der aktuell geplanten Regelungen der Fachkräftezuwanderung Beachtung finden und auch bei deren Anwendung hilfreich sind, um Hürden abzubauen und zugleich bewährte Lösungen beizubehalten.

Das Interview wurde im August 2018 geführt.

Aktualisiert am 05.09.2018