Forum 1

FORUM 1: CHANCEN UND HINDERNISSE AUS BETRIEBLICHER SICHT


TEILNEHMERINNEN UND TEILNEHMER

Impulse:
Tom Wünsche Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) stellvertretender Projektleiter „Monitoring der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes des Bundes als Beitrag zur Qualitätssicherung“
Markus Lötzsch Hauptgeschäftsführer IHK Nürnberg
Moderation:
Carolin Böse Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) wissenschaftliche Mitarbeiterin „Monitoring der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes des Bundes als Beitrag zur Qualitätssicherung“

 

Tom Wünsche vom Bundesinstitut für Berufsbildung stellte die Ergebnisse einer im Jahr 2014 durchgeführten Befragung von über 5.000 Betrieben vor. Fast 80 Prozent der befragten Betriebe sehen demnach keine grundsätzlichen Hindernisse, Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen einzustellen. Wenn Gründe vorliegen, dann sind dies Vorbehalte in Hinblick auf die (Fach-)Sprachkenntnisse dieser Personen oder auch die Vermutung, dass die Qualifikation trotz einer Anerkennung nicht mit der deutschen vergleichbar ist. Zudem gibt es aber auch den Hinweis, dass Betriebe das Verfahren als sehr langwierig empfinden. Mehr als 40 % der Befragten gaben an, die Anerkennungsgesetze des Bundes und der Länder zu kennen bzw. bereits damit Erfahrung gemacht zu haben. Die Anerkennungsmöglichkeiten sehen viele Betriebe als eine Erleichterung für die Fachkräftesicherung an. Insgesamt zeige sich jedoch, dass das Thema Anerkennung „bei vielen Betriebe noch nicht so ganz angekommen“ sei. Um Vorbehalte abzubauen, sei es daher unbedingt nötig, Betriebe in Zukunft noch besser über das Thema Anerkennung und insbesondere über den Ablauf von Anerkennungsverfahren zu informieren. Ein drohender Fachkräftemangel könne zwar nicht allein durch Personen mit ausländischen Abschlüssen verhindert werden, jedoch sei dies ein wichtiger Baustein zur Deckung des Qualifikationsbedarfes der Betriebe.

Markus Lötzsch beantwortete die Frage, ob Unternehmen Migranten als potenzielle Arbeitnehmer wahrnehmen mit einem klaren „Ja“. Auch die Wirtschaft nehme einen Paradigmenwechsel von der Defizit- zur Potenzialbetrachtung vor. Die Integration von mittel- und hochqualifizierten Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund sei laut aktuellem IHK-Unternehmensbarometer von 90 Prozent als „gelungen“ bezeichnet worden. Bei den Geringqualifizierten lag der Prozentsatz immer noch bei 64 Prozent der befragten Betriebe. Die Einstellung sei somit als „extrem positiv“ zu bezeichnen. Hingegen sei der Bekanntheitsgrad des Anerkennungsgesetzes noch stark ausbaufähig. Immer noch würden zwei Drittel der befragten Betriebe das Gesetz nicht kennen, gerade kleine und mittlere Unternehmen, so Lötzsch. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und das Bundesbildungsministerium (BMBF) wollten daher jetzt gemeinsam auf die Arbeitgeber zugehen.

Allgemein müsse man „wesentlich schlanker werden“ bei der Anzahl der in ein Verfahren involvierten Akteure. Das Thema Anerkennung solle nicht von der Organisation, sondern vom Nutzer her gedacht werden. „Da müssen wir raus aus unseren Schubladen“, forderte Lötzsch die Teilnehmer des Forums auf. Durch die Verknüpfung von Anerkennung und Aufenthalts- sowie Beschäftigungsrecht gäbe es ferner auch eine Möglichkeit, die Zahl der Asylanträge zu reduzieren: Da schon „im Ausland die Möglichkeit besteht, einen Antrag auf Anerkennung der ausländischen Berufsqualifikation zu stellen, könnten viele von vorn herein andere rechtliche Wege der Zuwanderung wählen, als das Asylverfahren; jedoch wissen viele Personen nichts von diesen Möglichkeiten“. Hier müsse noch viel Informationsarbeit geleistet werden.

Mit Blick auf die Anerkennungs-Praxis sieht Lötzsch weiterhin nicht nur die Antragstellenden gefordert, sondern gerade auch die Unternehmen. Sich auf die Anforderungen, die die Integration von Migranten im Betrieb mit sich bringe, einzustellen, sei „nicht trivial und gerade für kleine Unternehmen eine große Herausforderung“, sagte Lötzsch. „Da müssen wir Angebote schaffen“, forderte er.

In der anschließenden Diskussion war man sich einig, dass ein Gleichwertigkeitsbescheid in jedem Fall für den Arbeitgeber als Transparenzinstrument diene, auch bei festgestellter teilweiser Gleichwertigkeit. Durch aussagekräftige Bescheide könne eine höhere Akzeptanz bei den Betrieben erreicht werden, da diese eine Orientierung bei der Fachkräfterekrutierung an die Hand bekämen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass es in vielen Bereichen der Anerkennungs-Praxis noch Möglichkeiten zur Verbesserung gebe, z.B. im Bereich der Verzahnung der zuständigen Stellen untereinander, der Bündelung und Verbreitung von Informationen oder im Bereich der Qualifizierung von Betriebsräten, um eine höhere Bekanntheit des Verfahrens in Betrieben zu erreichen. Bei der Prüfung von Dokumenten müssten weiterhin Kompetenzen gebündelt werden, um eine möglichst einheitliche Durchführung der Verfahren zu sichern und damit bei den Betrieben Vertrauen zu schaffen.

Bestimmendes Thema für die Antragstellenden sei häufig das Erlernen der Sprache. In diesem Bereich sahen viele Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer einen Nachholbedarf, auch wenn ein Nachweis über Sprachkenntnisse bei den meisten Referenzberufen nicht Teil der Gleichwertigkeitsprüfung darstellt. Für die meisten Betriebe seien gute Deutschkenntnisse Voraussetzung für die Einstellung; entsprechende Kurse müssten daher für die Zielgruppe zur Verfügung gestellt werden. Gefordert wurden zudem auch bessere Möglichkeiten für Antragstellende, die häufig geforderten Praxisphasen im Rahmen der Anerkennung zu absolvieren (z.B. Anpassungslehrgänge im Bereich der Krankenpflege). Als Verbesserungsmöglichkeiten wurde hier die Einführung von Stipendien für die Praxisphasen als auch für das Anerkennungsverfahren allgemein genannt. Zudem sei eine Einheitlichkeit der Verfahren wichtig, weshalb die Einrichtung einer zentralen Stelle der Länder für Berufe im Bereich Bildung und Erziehung, analog zur neu eingerichteten zentralen Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe bei der ZAB, gefordert wurde.