Panel 3: Mehrwert der Anerkennung für Betriebe?


Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Dr. Jessica Erbe Moderation, Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, Projektleiterin „Monitoring der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes des Bundes als Beitrag zur Qualitätssicherung“
Ursula Arnst Geschäftsführerin der Arnst Auto-Technik GmbH, Hamburg
Ursula Poller Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken
Bernd Tews Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa)
Daniel Weber Bildungsreferent und Leiter des Interkulturellen Kompetenzzentrums im Geschäftsbereich Migration & Gleichberechtigung des DGB Bildungswerks
Frank Ißleib Referent im Referat Berufliche Bildung, Chancengleichheit, Fachkräfte im Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung Rheinland-Pfalz. Vertreter der Arbeitsgruppe der für die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen koordinierend zuständigen Ressorts der Länder (AG „Koordinierende Ressorts“).

 

„Kümmerer“ auf verschiedenen Ebenen gebraucht

„Welchen Mehrwert kann eine Anerkennung für die Betriebe haben?“ und „Wie kann der Beitrag der Betriebe zu einer erfolgreichen Anerkennung aussehen?“ Um diese beiden Leitfragen drehte sich die Diskussion in Panel 3 der BMBF-Fachtagung.

Alle Teilnehmenden waren sich darüber einig, dass das Anerkennungsgesetz nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung liefere, sondern dass es dabei auch um die Wertschätzung der persönlichen Lebensleistung der Mitarbeitenden gehe.

Bernd Tews beschrieb, dass im Gesundheits- und Pflegebereich nachhaltige Fachkräftesicherung grundsätzlich im Dreiklang „Ausbildung“, „Steigerung der Berufsverweildauer“ und „Zuwanderung“ geschehe. Gerade Einrichtungen, die im Bundesverband organisiert seien, hätten im Zusammenhang mit der Fachkräftesicherung großes Interesse an den Möglichkeiten, die das Anerkennungsgesetz biete.

Ursula Poller stellte fest, dass vielen Betrieben das Anerkennungsgesetz und die damit verbundenen Möglichkeiten noch nicht bekannt seien. Um die Betriebe zielgerichtet informieren und beraten zu können (z.B. durch die IHK vor Ort) sei es wichtig, die individuellen Voraussetzungen der Betriebe zu berücksichtigen. Dabei gehe die Initiative in der Mehrzahl der Beratungen bisher nicht von den Betrieben, sondern von den Beratungseinrichtungen selbst aus. Daher sei „Information das Kernthema“.

Daniel Weber benannte als ein wichtiges Handlungsfeld die Verbindung von gesetzlicher Regelung und betrieblicher Praxis. Er stellte die Arbeit des vom BMBF geförderten und vom DGB Bildungswerk durchgeführten Projekts „Anerkannt!“ vor. Darin werden Arbeitnehmendenvertretungen, wie z.B. Betriebsräte dabei unterstützt, die Belegschaften in den Unternehmen über die Vorteile der Anerkennung und über die konkreten Schritte zur Antragstellung zu informieren und zu beraten.

Betriebe, die Personen mit einer teilweisen Gleichwertigkeit die Möglichkeit einer Anpassungsqualifizierung im eigenen Betrieb anböten – zum Beispiel wenn Praxisanteile nachzuholen seien – profitierten durchaus selbst davon. Man könne sich in einem Praktikum gegenseitig kennen lernen, was positive Effekte für den Betrieb und die Person mit sich brächte. Ursula Arnst appellierte auch an die eigene Verantwortung: „Unsere Firma ist offen für alles – wenn niemand diesen Menschen eine erste Chance gibt, bekommen sie hier in Deutschland keinen Fuß in die Tür“. Insgesamt zeige sich, dass es oftmals fehlende Praxisteile sind, die eine volle Gleichwertigkeit verhindern.

Frank Ißleib zeigte auf, dass bisher das Feld der Unterstützungsangebote noch recht heterogen sei und wies als ein Angebot auf das bundesweite Beratungsangebot des RKW Kompetenzzentrums zur Fachkräftesicherung hin, das das Thema Anerkennung als Teil der Willkommenskultur in Unternehmen aufgenommen habe. Bei zahlreichen Betrieben habe augenblicklich die Anwerbung von Auszubildenden im Ausland Priorität gegenüber der Anwerbung von Fachkräften.

Unsicherheitsfaktoren für Betriebe: Hat der Antrag Aussicht auf Erfolg

Wichtig für Betriebe und Antragstellende sei, auch darüber waren sich die Teilnehmenden einig, eine möglichst einheitliche und damit planbare Umsetzung des Vollzugs. Dazu gibt es bereits Zuständigkeitsbündelungen, wie z.B. die IHK FOSA oder die geplante gemeinsame Gutachtenstelle im Gesundheitsbereich. Eine Vereinheitlichung müsse aber z.B. auch für die verlangten Sprachniveaus, beispielsweise im Gesundheitsbereich erreicht werden. Eine Anregung war, ein niedrigeres allgemeinsprachliches Niveau zu fordern und dafür mehr Wert auf berufsbezogenes Deutsch zu legen. In der Diskussion wurde deutlich, dass noch zu wenig Transparenz über die Erfolgsaussichten einzelner Anerkennungsverfahren bestehe. Mehr Klarheit forderten insbesondere bundesweit agierende Unternehmen sowie Einrichtungen, die – teils im öffentlichen Auftrag – Fachkräfte im Ausland für eine Arbeitsaufnahme in Deutschland gewinnen wollen. Hier gebe es bisher nur vereinzelte good-practice-Beispiele der Zusammenarbeit mit zuständigen Stellen.

Umsetzung Altenpflege noch ausbaufähig

Ein Problem stelle augenblicklich noch der Sonderfall Altenpflege dar, weil dort die Praxiserfahrung zur Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger/-in im Gesundheitsbereich erlangt werden muss, auch wenn der spätere Einsatz in Altenpflegeeinrichtungen das Ziel sei. Dies müsse sich laut Bernd Tews dringend ändern, indem der Praxiseinsatz im späteren Beschäftigungsfeld – der Altenpflege – ermöglicht werde. Ein praktisches Problem für das Angebot an betrieblichen Praktika im Rahmen eines Anerkennungsverfahrens bestehe darin, dass diese Fachkräfte mangels formaler Anerkennung im Fachkräfteschlüssel als Nicht-Fachkraft zählten. An die Länder wurde der Wunsch gerichtet, ähnlich wie in Bayern Umsetzungsspielräume in dieser Frage zu nutzen.

Insgesamt waren sich alle Teilnehmenden darüber einig, dass das Anerkennungsgesetz für die Betriebe sowohl bei der Ausschöpfung des vorhandenen Potenzials als auch bei der Anwerbung viele Möglichkeiten biete. Diese müssten jedoch bekannt gemacht werden, ebenso die vorhandenen Unterstützungsangebote.