Panel 2: Das Anerkennungsverfahren in der Praxis


Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Carolin Böse Moderation, Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, Projekt: „Monitoring der Umsetzung des Anerkennungsgesetzes des Bundes als Beitrag zur Qualitätssicherung“
Andreas Dieckmann Referent im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt; Vertreter der Arbeitsgruppe der für die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen koordinierend zuständigen Ressorts der Länder (AG „Koordinierende Ressorts“)
Dr. Artur Kalnins Projektleiter in der Academia Española de Formación – Spanische Weiterbildungsakademie e.V. (AEF), zuständig für das Projekt „Bienvenidos – Willkommen in Baden-Württemberg", das das Ziel hat im Rahmen des IQ-Netzwerks Fachkräfte aus Spanien in Baden-Württemberg aufzunehmen
Gesine Keßler-Mohr Leiterin des Arbeitsbereichs Handwerk und Integration an der Handwerkskammer Hamburg und Koordinatorin des IQ-Netzwerks Hamburg - NOBI in Hamburg
Heike Klembt-Kriegel Geschäftsführerin der IHK FOSA, die im Auftrag von 77 der 80 Industrie- und Handelskammern in Deutschland die Anerkennungsverfahren für die Berufe durchführt, die im BBiG geregelt sind
Bettina Schlichting Referentin im Sächsischen Staatministerium für Soziales und Verbraucherschutz; Vorsitzende der AG Berufe der Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG)

 

Große Fortschritte auf dem Weg zu einem einheitlichen Vollzug

Das Anerkennungsverfahren in der Praxis“, wie es der Titel des Panels vermuten lässt, gibt es nicht. Standards, Maßstäbe und Verfahren orientieren sich an den Gegebenheiten der unterschiedlichen Zuständigkeitsbereiche. Allein unter das seit zwei Jahren geltende Anerkennungsgesetz des Bundes fallen rund 600 unterschiedliche Berufe. Hinzu kommen die ausländischen Berufsabschlüsse, die theoretisch in 193 verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten erworben werden konnten und können. Darüber hinaus garantiert das Gesetz individualisierte Verfahren zur Prüfung der Gleichwertigkeit, denn neben dem ausländischen Berufsabschluss werden auch die Berufserfahrung und weitere Qualifikationen bei der Bewertung zu Grunde gelegt.

Die Panelteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich einig: Trotz dieser Ausgangslage sind viele Fortschritte hin zu einem einheitlichen Vollzug und damit zu wertschätzenden „gerechten“ und transparenten Entscheidungen gemacht worden.

Vereinheitlichung des Vollzugs in einigen Bereichen weiter vorantreiben

Die IHK FOSA, so deren Geschäftsführerin Heike Klembt-Kriegel, profitiere dabei insbesondere auch von der zunehmenden Erfahrung mit der Gleichwertigkeitsprüfung. Diese sei die Voraussetzung um „eine Regel zu finden“ und zu einem einheitlichen Vollzug zu gelangen. Die IHK FOSA gewinne insofern von der Zuständigkeitsbündelung enorm, da für den Erfahrungszuwachs ein gewisses Antragsaufkommen notwendig und durch die Bündelung auch gegeben sei. Deshalb könne die IHK FOSA heute „stabile Abläufe garantieren“ und die Gleichwertigkeitsprüfungen nach einheitlichen Kriterien durchführen.

Auch im Ländervollzug sei es wichtig, die Abläufe und Entscheidungskriterien weiter zu vereinheitlichen, betonten die beiden Länder-Vertreter Bettina Schlichting (Sachsen) und Andreas Dieckmann (Sachsen-Anhalt). Begrifflichkeiten wie „wesentlicher Unterschied“ oder „erforderliche Sprachkenntnisse“ müssten konkreter für die einzelnen Berufe festgelegt werden. Wie der Bericht zum Anerkennungsgesetz zeige, seien bezüglich der geforderten Sprachkenntnisse in den Heil- und Gesundheitsberufen sowie den Nachweisen darüber bereits viele Anstrengungen in Richtung zu mehr Vereinheitlichung unternommen worden. Vor allem bei den akademischen Heilberufen sei die Festlegung auf Eckpunkte für ein einheitliches Verfahren sehr weit fortgeschritten, so dass diese in der nächsten Sitzung der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) verabschiedet werden könnten. Durch Kompetenzbündelung, zum Beispiel bei der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB), als länderübergreifende Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe, könne der Rechercheaufwand optimiert werden, was der Qualitätssicherung diene und zudem erlaube, die Verfahren effizient durchzuführen. Es herrschte Einigkeit über die Notwendigkeit, in den zuständigen Stellen „eine Sprache zu sprechen“.

Regionale Akteure müssen an einem Strang ziehen

Die Diskussion zeigte vorhandene regionale Unterschiede in der Anerkennungspraxis auf. Dr. Artur Kalnins von der AEF - Spanische Weiterbildungsakademie wies darauf hin, dass es in der Praxis für Anerkennungsinteressierte immer noch sehr schwierig sei, die für ihren Fall relevanten Informationen zu finden. Außerdem fehle es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den zuständigen Stellen oft an interkultureller Kompetenz. Auch die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich auch die Anerkennungsverfahren bewegten, müssten verbessert werden. Deutschland brauche dringend eine ernst gemeinte Willkommens- und Anerkennungskultur auf allen Ebenen.

Regionale Vernetzung sei der Schlüssel zur gelungenen Anerkennungspraxis, so Gesine Keßler-Mohr: In Hamburg griffen die Angebote aller regionalen Partner gut ineinander, es werde „gemeinsam und mit großem Engagement aller Beteiligten der politische Auftrag umgesetzt“. Dazu gehörten beispielsweise auch Schulungen zu interkultureller Kompetenz für Handwerkskammern, Behörden und andere Institutionen sowie nachhaltige Kooperationen bezüglich Finanzierungsmöglichkeiten des Verfahrens, z. B. durch eine Gebührenübernahme durch die Arbeitsverwaltung oder über das Stipendienprogramm der Freien und Hansestadt Hamburg.

Gerade auch hinsichtlich der Anpassungslehrgänge sei eine länderübergreifende Zusammenarbeit notwendig, forderte Bettina Schlichting. Vor allem bei den Berufen, in denen es nur wenige Anträge gebe (z. B. Logopäde/-in oder Ergotherapeut/-in), sei es für die Antragstellenden oft sehr schwierig, eine Schule oder praktische Einrichtung zu finden, um den notwendigen Anpassungslehrgang zu absolvieren.

Gleichwertigkeitsbescheide sollten gute Orientierung bieten

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass hinsichtlich der Qualität der Gleichwertigkeitsbescheide keine Abstriche gemacht werden dürften. Wichtig sei es, dass die Bescheide verständlich formuliert seien und einen Wiedererkennungswert erhielten. Drei Perspektiven müssten bei der Formulierung berücksichtigt werden: Die der Anerkennungsinteressierten, die der Betriebe und – im Falle notwendiger Anpassungsqualifizierung – die der Beratungs- bzw. Weiterbildungseinrichtungen. Als gelungenes Beispiel erläuterte Gesine Keßler-Mohr die Praxis der Handwerkskammer Hamburg, die zusätzlich zum Bescheid über eine teilweise Gleichwertigkeit auch eine Übersicht mit den Lehr- und Lernaufträgen verschicke und den Kundinnen und Kunden vorab erläutere. Dies sei elementar für die Ausbildungsbetriebe, die die betrieblichen Praktika im Rahmen einer Anpassungsqualifizierung durchführten, da den Kundinnen und Kunden oft praktische Erfahrungen fehlten.

Kosten und Finanzierung der Verfahren

In der Mehrzahl der Fälle seien die Verfahrenskosten nicht das entscheidende Hindernis für eine Antragstellung. Berücksichtigt werden müsse auch der zum Teil hohe Aufwand der zuständigen Stellen, gerade weil es sich um individualisierte Verfahren zur Prüfung der Gleichwertigkeit handele. Auch für Kostenübernahmen zum Beispiel seitens der Jobcenter gebe es viele Möglichkeiten. Diese würden insbesondere in den Regionen gut ausgeschöpft, in denen die unterschiedlichen Akteure gut miteinander vernetzt seien (Beratungseinrichtungen, zuständige Stellen, Arbeitsverwaltung).

Möglichkeit der Qualifikationsanalyse soll mehr genutzt werden

Einigkeit bestand auch darüber, dass der im § 14 des BQFG eröffneten Möglichkeit einer Qualifikationsanalyse bei der Umsetzung des Gesetzes zukünftig mehr Raum eingeräumt werden sollte. Derzeit werde diese Möglichkeit noch eher zurückhaltend genutzt, da noch wenige Erfahrungen vorliegen und derzeit noch ein hoher Aufwand bei der Durchführung entstehe. Durch die im Projekt „Prototyping“ entwickelten Standards wurden bereits gute Grundlagen geschaffen. Die HWK Hamburg beispielsweise hat bisher knapp 25 Qualifikationsanalysen in verschiedenen Gewerken durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass der Aufwand vor allem bei der ersten Durchführung hoch ist, im Wiederholungsfall aber die Analyse gut und wesentlich einfacher umsetzbar ist. Die mit § 14 BQFG ermöglichten „sonstigen Verfahren“ seien sehr positiv zu bewerten, da so nicht nachweisbare Kompetenzen aufgrund fehlender Papiere oder Zeugnisse aus den Heimatländern der Antragstellenden festzustellen seien.